Er gehört mittlerweile zur Gotthard-Panoramastrecke wie das Kirchlein von Wassen: Xaver Andermatt. Wenn ein Zug über die Bergstrecke donnert, schwenkt er jeweils die Schweizerfahne. Und lässt dabei einen Juchzer ertönen. Fürs Lokpersonal und die Fahrgäste ein Spektakel gleichermassen. Für Andermatt selbst quasi Therapie. «Es tut einfach gut.»
Xaver Andermatt, Ende 60, braun gebrannt, das graue Haar zum strengen Dutt gebunden, wohnt seit gut fünfzehn Jahren an der Gotthard-Bergstrecke. In einem ausrangierten Bahnwärterhaus, das er als gelernter Zimmermann eigenhändig ausgebaut hat. «Mein kleines Paradies.»
Woher seine Liebe zur Eisenbahn rührt, weiss Andermatt selbst nicht so genau. «Ein Gen ist es nicht, wir sind ‹Hölzige› in der Familie», sagt er. Und doch erinnere er sich noch gut an die erste Spielzeug-Eisenbahn, die unter dem Christbaum lag. Heute sei er ein eingefleischter Eisenbahnfan.
Seit rund fünf Jahren steht er regelmässig neben dem Gleis. Angefangen hat es mit der letzten Fahrt eines befreundeten Zugführers. Xaver Andermatt winkte ihm zum Abschied. Später grüsste er ab und zu. Und merkte, welche Begeisterung dies bei den Fahrgästen und beim Personal auslöste. Mittlerweile ist er auf der Bergstrecke eine Institution. «Gewisse Lokführer hupen extra, damit ich parat bin», sagt Xaver Andermatt. «Andere fahren im Schritttempo vorbei, wenn sie genügend Zeit haben.»
Früher, in der Blüte der Gotthard-Bergstrecke, so erzählt Andermatt, hätten 400 Züge diese Nord-Süd-Achse passiert. Nun sind es noch zwei pro Stunde. In der Regel. Anfangs Jahr waren es aufgrund von Unterhaltsarbeiten beim Gotthard-Basistunnel sechs Züge, die jede Stunde über die Bergstrecke fuhren. Davon erfahren hat Xaver Andermatt von einem Gleiskontrolleur. Und reservierte sich die Zeit, um sicher vor Ort zu sein. «Sonst wäre ich zu dieser Zeit in den Ferien.»
Das Grussritual habe beinahe Suchtpotenzial, sagt Andermatt. «Manchmal würde ich gerne spazieren oder ‹pilzlen› gehen – und warte dann doch auf den nächsten Zug.» Wenn es allerdings «schneit und Katzen hagelt», ziehe auch er den Fensterplatz vor. Und: Nicht jeder Zug liege ihm gleichermassen am Herzen. «Der Zug, den ich am liebsten grüsse, ist der Gotthard-Panorama-Express, der nur im Sommer fährt», sagt Xaver Andermatt. Der habe eine schöne Lok vorne. «Und fährt jeweils bewusst langsam vorbei, das ist im Fahrplan so eingerechnet.»
Xaver Andermatt hat heute eine kleine Fangemeinde – auf und neben den Schienen. Im Kreis der Eisenbahn-Begeisterten ist er längst kein Unbekannter mehr. Auf Social Media kursieren Videos. Und es existiert mittlerweile sogar eine Miniaturfigur von ihm, im Massstab 1:87 und 1:45, für Modelleisenbahn-Landschaften. Andermatt lacht. «Ein Holländer hat mich nachgemacht, ohne mich zu fragen, dieser ‹Luscheib›.»