Rumänien wiederholte vor einem Jahr die Präsidentschaftswahlen, weil diese gemäss Urteil des Verfassungsgerichts durch russische Desinformationskampagnen verfälscht worden waren. Von einer solchen Eskalation ist die Schweiz weit entfernt. Bei Wahlen oder Abstimmungen seien bisher keine Desinformationsversuche verzeichnet worden, sagt Pälvi Pulli, stellvertretende Staatssekretärin für Sicherheitspolitik.
Gleichzeitig stelle der Bund aber fest, dass Versuche durch staatliche ausländische Akteure, die Meinung in der Schweiz zu beeinflussen, in den letzten Jahren deutlich zugenommen hätten.
«Das Ziel ist, die Gesellschaft zu polarisieren, Spaltungen, die schon existieren, zu verschärfen, die Glaubwürdigkeit von Institutionen und Medien zu untergraben. Und es wird auch versucht, das Vertrauen zu erschüttern, dass es überhaupt so etwas wie objektive Informationen gibt», sagt Pulli.
Schweizer System ist ein zweischneidiges Schwert
Wie heikel kann das sein für die Schweiz mit ihrer halbdirekten Demokratie, in der die Menschen so viel zu sagen haben wie nirgendwo sonst? Für Michael Hermann, Geschäftsführer des Forschungsinstituts Sotomo, ist die Schweiz durch ihre Form der Demokratie einerseits besonders verwundbar, weil die Schweizerinnen und Schweizer über Sachfragen entscheiden und dafür korrekte Informationen entscheidend sind.
«10 vor 10»-Serie zu «Fakt oder Fake?»
Andererseits sei die Schweiz aber auch besonders resilient gegen mögliche Risiken durch Desinformationskampagnen. «Die direkte Demokratie ist auch eine Chance gegen Desinformation, weil die Menschen gleichzeitig über ein und dasselbe Thema diskutieren. Wenn jemand etwas Falsches behauptet, kann die andere Seite das auch wieder korrigieren. In Demokratien, in denen die Bevölkerung nur wählen kann, können sich viel eher Unwahrheiten einschleichen, die dann von einem Teil der Bevölkerung geglaubt und nie richtiggestellt werden», sagt Hermann.
Bundesrat und EU auf unterschiedlichem Kurs
Die EU versucht, Desinformation mit dem «Digital Services Act» zu bekämpfen. Verglichen damit hält sich der Bundesrat bei der Regulierung stark zurück.
Im geplanten Social-Media-Gesetz ist zum Beispiel nicht vorgesehen, dass Plattformen dazu verpflichtet werden können, mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten oder Desinformation zu bekämpfen.
Debatte erst am Anfang
Die Debatte über Desinformation, auch über die Frage, wann etwas Desinformation ist und wann nicht, und ob die Schweizer Demokratie stärker dagegen geschützt werden müsste, steht in der Schweiz erst am Anfang. Auch, weil die Schweiz doch noch weniger stark als andere Länder von Desinformationskampagnen betroffen ist.