Die Vorwürfe sind happig: Gefördert werde nur, was wirtschaftlich verwertbar sei, und das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI stehe im Verdacht, die Geschlechterforschung thematisch zu diskriminieren. Das schreiben Geisteswissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler in einem offenen Brief, der stetig mehr Zuspruch erhält. Die Akademie sei in Aufruhr, bestätigt Lea Haller, Generalsekretärin der Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. «Es ist am Brodeln. Es ist ein grosses Thema in der Community.»
Denn bei der Vergabe der sechs neuen Forschungsschwerpunkte, bei denen bisher immer auch einer mit Schwerpunkt Geistes- und Sozialwissenschaften berücksichtigt wurde, gingen alle Projekte an die Naturwissenschaften: Chemie, Physik, Klimawissenschaften und Medizin. Die Enttäuschung sei gross, sagt Haller. «Ich glaube, es geht um das grundsätzliche Empfinden, immer hinten anstehen zu müssen, vor allem, wenn es um das Verteilen von Geld geht.»
Geld gibt's erst in einer zweiten Runde
Das SBFI hat angekündigt, Mittel zurückzustellen und für die Geistes- und Sozialwissenschaften separat eine zweite Runde zu machen. Haller sagt dazu: «Es wirkt so, als hätte man dieses Verfahren gemacht, und am Ende gemerkt, dass etwas fehlt, und jetzt muss man noch nachbessern.»
Die Evaluation erfolgte unabhängig von ihrer disziplinären Zuordnung. Im Vordergrund stand die wissenschaftliche Exzellenz.
Unter den elf Projekten, die in die letzte Runde kamen, war ein Forschungsprojekt mit dem Titel «Gender and Justice»: Es ging um Forschung zu Gewalt an Frauen, zur Prävention von Krankheiten aus der Geschlechterperspektive oder zu Fragen der Fruchtbarkeit in der Schweiz. Dieses Projekt wurde als exzellent bewertet, trotzdem sei es vom SBFI aussortiert worden, steht im Protestbrief. Die Unterzeichnenden sehen eine «besorgniserregende thematische Diskriminierung der Geschlechterforschung». Das SBFI schreibt dazu auf Anfrage: «Die Evaluation erfolgte unabhängig von ihrer disziplinären Zuordnung. Im Vordergrund stand die wissenschaftliche Exzellenz.»
Die Hürde ist auch politischer Natur
Der Historiker Caspar Hirschi von der Universität St. Gallen kennt den Schweizerischen Wissenschaftsbetrieb sehr gut. Er sagt, bei der Bewertung durch den Nationalfonds schnitten die Geistes- und Sozialwissenschaften meistens recht gut ab. «Die grosse Hürde für sie war jeweils die Politik, das heisst, das SBFI und der Bundesrat, die die Projekte nicht berücksichtigt haben.»
Geisteswissenschaftliche Projekte sind nicht zugeschnitten auf solche Förderprojekte und haben immer einen besonderen Rechtfertigungsbedarf, um überhaupt in die Kränze zu kommen.
Es liege in der Anlage dieser Forschungsprogramme, dass die Sozial- und insbesondere die Geisteswissenschaften schlechte Karten hätten. Denn sie verstünden sich auch als kritische Instanz, die die Gesellschaft und auch die Politik hinterfragten. «Die sind nicht zugeschnitten auf solche Förderprojekte und haben immer einen besonderen Rechtfertigungsbedarf, um überhaupt in die Kränze zu kommen.»
Die Zahl der Studierenden sackte bei den Sprachwissenschaften in den letzten zehn Jahren um fast die Hälfte ab. Die Sozial- und Geisteswissenschaften erlitten einerseits einen Bedeutungs- und Prestigeverlust. Historiker Hirschi sieht hier allerdings ein Paradox, denn «andererseits zeigt sich gerade in den enormen Umwälzungen, in denen wir uns befinden, und in den Unsicherheiten politischer und wirtschaftlicher Art, dass geisteswissenschaftliches Wissen in der Öffentlichkeit sehr stark nachgefragt ist.»