Flüchtlingsdrama auf Schweizer Boden

Die Schweizer Grenzwache soll einer Migrantin dringend benötigte medizinische Hilfe verweigert haben. Laut Ehemann war die Frau hochschwanger und litt an starken Blutungen. In einem Spital in Italien kam es danach zur Totgeburt. Die Schweizer Grenzwache untersucht den Fall.

Video «Hochschwangerer Syrerin Hilfe verweigert» abspielen

Hochschwangerer Syrerin Hilfe verweigert

4:10 min, aus 10vor10 vom 9.7.2014

Der Vorfall hat sich am Freitag 4. Juli ereignet. Die 22-jährige syrische Frau gehörte einer Gruppe Migranten an. Sie wurde auf dem Weg von Mailand nach Paris kurz nach der Schweizer Grenze in einem Zug aufgegriffen und den Schweizer Behörden zur Rückführung nach Italien übergeben.

Totgeburt nach «unmenschlicher Behandlung»

Auf dem Rückweg durch die Schweiz soll die hochschwangere Frau starke Blutungen erlitten haben. Trotz wiederholten Hilferufen des Ehemannes sollen die Beamten nicht reagiert haben. Gemäss dessen Aussagen soll die Frau trotz ihres kritischen Zustandes während rund vier Stunden in einer Zelle in Brig eingesperrt worden sein. Danach habe er seine Frau mit eigenen Händen auf den Zug nach Domodossola tragen müssen. «Keiner wollte helfen, nicht einmal ein Rollstuhl oder eine Liegebahre wurde uns zur Verfügung gestellt», so der 32-jährige Ehemann gegenüber «10vor10».

Zusatzinhalt überspringen

Kritik von Amnesty

«Bei diesen Rückführungen passiert viel automatisch», sagt Denise Graf, Asylrechtsexpertin von Amnesty International auf Anfrage von SRF. Oft werde dabei nicht viel überlegt oder nachgefragt. Die involvierten Behörden hielten sich an die Abläufe, die stur durchgeführt würden.

Schwere Vorwürfe auch aus Italien

Nach der Ankunft in Domodossola brach die Frau noch auf dem Bahnsteig zusammen, erst danach wurde sie in ein Spital gebracht. Dort konnte das Kind der Frau nur noch tot geboren werden.

Der behandelnde Arzt erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schweizer Beamten. «Wenn der Frau in der Schweiz geholfen worden wäre, hätte das Unglück verhindert werden können», so der Arzt. «Wir wollten vor dem Krieg in Syrien flüchten, und was haben wir hier in Europa gefunden? Einen anderen Krieg und den Tod meiner Tochter», sagt der Ehemann.

Auch die Stadträtin Domodossolas, Liliana Graziobelli, klagt an: «In Europa darf eine Schwangere so nicht behandelt werden. Dass das gerade bei den sonst so ordentlichen und anständigen Schweizer Nachbarn passiert, trifft mich schwer.»

Grenzwachtkorps untersucht Vorfall

Der Chef der Schweizer Grenzwache, Jürg Noth, bestätigt den Vorfall: «Ich habe Kenntnis davon, dass in Domodossola im Anschluss an eine Rückführungsaktion in einem Spital ein medizinischer Vorfall passiert ist. Ich habe danach sofort eine Untersuchung eingeleitet. Ich bin tief betroffen und möchte den Angehörigen der Frau mein Mitgefühl ausdrücken.»

Stellungnahme von Grenzwachtkorps-Chef Jürg Noth

1:40 min, aus 10vor10 vom 9.7.2014

Ob und wie Schweizer Beamte in den Vorfall involviert seien, werde nun sofort abgeklärt, sagte Noth. Der Vorfall werde mit aller Akribie untersucht und er hoffe, bis Ende Woche mehr zu wissen.

Der Vorgang falle unter das Rücküberführungsabkommen mit Frankreich und Italien. «Wir sind verpflichtet, die Rücküberführung durchzuführen. Allerdings, von Vallorbe bis Domodossola ist eine rechte Strecke, das ist unser Verantwortungsbereich», sagte Noth.

Nach Kenntnis des Chefs der Grenzwache waren bei dieser Rücküberführung 36 Personen aus Syrien, Äthiopien und Eritrea dabei. Bei einer solchen Überführung würden diese Leute nach Massgabe von humanitären Aspekten behandelt. «Von der Grenzwache waren 15 Leute dabei, darunter Mitarbeiterinnen, die sich um die Frauen kümmern.»

Ein vergleichbarer Vorfall ist Jürg Noth beim Grenzwachtkorps nicht bekannt:

«  Bei uns ist es Gott sei Dank der erste Zwischenfall und ich hoffe, es ist der letzte. »

Das Drama beschäftigt bereits auch die italienische Politik. Der italienische Abgeordnete der Partito Democratico, Enrico Borghi, verlangt laut der italienischen Nachrichtenagentur ANSA Auskunft vom Innenministerium über die Verantwortung in diesem Fall und die Anwendung internationaler Normen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel