Unter den Physiotherapeutinnen und ‑therapeuten wächst der Frust. Seit Jahren verhandelt ihr Verband mit den Krankenkassen über höhere Tarife – ohne Ergebnis. Nun folgt der öffentliche Protest: Eine verkürzte Behandlungsliege auf dem Bundesplatz in Bern soll symbolisieren: Die Physiotherapie kommt zu kurz.
Branche warnt vor Praxisschliessungen
Mit dieser Aktion will der Verband Physioswiss ein Ausrufezeichen setzen. Deren Präsidentin Mirjam Stauffer warnt: «Die Physiotherapie ist seit Jahren unterfinanziert. Das führt dazu, dass Praxen schliessen.» Für viele in der Branche geht die Entwicklung seit Jahren in die falsche Richtung. Markus Angst, der Leiter einer grösseren Praxis im Zürcher Oberland, erklärt: «In den letzten dreissig Jahren sind die Kosten um etwa 30 Prozent gestiegen. Kostentreiber sind Miete, Infrastruktur, Digitalisierung, Weiterbildung. Die Tarife haben stagniert.»
Grosse Praxen befürchten nun zusätzliche Umsatzeinbussen von 20 bis 30 Prozent. Sie müssten mehr arbeiten, um nach wie vor gleich viel zu verdienen. Grund dafür sei eine neue Tarifstruktur mit einer neuen Abrechnungsmethode, die grössere Praxen benachteilige, so die Kritik von Angst.
Kritik am eigenen Verband
Er hat deshalb mit Mitstreitern eine Petition lanciert, um den Druck auf das Bundesamt für Gesundheit zu erhöhen. Dieses muss die neue Tarifstruktur noch genehmigen. Der Ärger richtet sich aber auch gegen den eigenen Verband Physioswiss, der die neue Tarifstruktur mit den Krankenkassen und Spitälern ausgehandelt hat. Angst fühlt sich von Physioswiss mit Blick auf die drohenden Umsatzeinbussen zu wenig gut vertreten.
Verbandspräsidentin Mirjam Stauffer zeigt Verständnis für die Kritik. Diese sei eine Folge der langjährigen Unterfinanzierung der Physiobranche. Gleichzeitig betont sie die Vorteile der neuen Tarifstruktur: Diese sei datenbasiert und damit transparenter als die vorherige.
Krankenkassen bedauern Petitionsoffensive
Aber auch sie sieht weiterhin Handlungsbedarf. Mit Petitionen in allen Kantonen fordert der Physioverband nun höhere Tarife. Ziel seien insgesamt 100’000 Unterschriften. Die Entscheide der 26 kantonalen Gesundheitsdirektionen über diese Forderungen werden bis Ende Jahr erwartet. Diese Petitionsoffensive bedauert der Krankenkassenverband Prio Suisse. Die Branche hätte eine Lösung am Verhandlungstisch bevorzugt, wo man dem Verband moderat entgegengekommen wäre, heisst es auf Anfrage.
Für Markus Angst, den Leiter einer grösseren Praxis, ist klar: Es braucht jetzt einen Kraftakt, sei es von den Kantonen, vom Bund oder von beiden. Hauptsache, die Vergütung steige. Nur so bleibe die Versorgung der Patientinnen und Patienten gesichert.