Gekaufte Uni-Arbeiten: Uni St.Gallen reicht Strafanzeige ein

Immer mehr Schweizer Studenten lassen ihre Arbeiten gegen Bezahlung von Ghostwritern schreiben. Recherchen der «Rundschau» zeigen: Mindestens 200 Studenten reichten 2015 an Schweizer Unis fremde Arbeiten als ihre eigene ein. Jetzt handelt die Universität St.Gallen – sie reicht Strafanzeige ein.

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Rundschau: Das Geschäft mit gekauften Arbeiten

10 min, vom 6.1.2016

Acad-Write ist die grösste Ghostwriting-Agentur im deutschsprachigen Raum. Die Firma mit Sitz in Zürich machte im letzten Jahr drei Millionen Franken Umsatz. Sie beschäftigt Akademiker, die gegen Bezahlung wissenschaftliche Arbeiten für Studenten schreiben. 300 Ghostwriter schreiben gegen Bezahlung für Acad-Write.

Geschäftsführer Thomas Nemet bestätigt der «Rundschau» eine zunehmende Nachfrage für seine Dienstleistung – auch in der Schweiz: «200 Studierende aus der Schweiz liessen 2015 ihre Arbeit von uns schreiben.»

Uni St.Gallen: «Staatsanwaltschaft soll gegen Ghostwriter vorgehen»

Der Uni-Bschiss fliegt in den seltensten Fällen auf, da Studenten die fremde wissenschaftliche Arbeit als ihre eigene ausgeben. Die Universität St. Gallen will jetzt gegen das grassierende Ghostwriting-Problem vorgehen, wie Recherchen der «Rundschau» zeigen.

Prorektor Lukas Gschwend bestätigt, dass die Universität St. Gallen eine Strafanzeige eingereicht hat: «Unsere Strafanzeige richtet sich nicht gegen eine spezielle Person, Ghostwriting ist ein Offizialdelikt. Die Staatsanwaltschaft St. Gallen wird klären, wer hier in welcher Form beteiligt ist.»

Expertin: «Hälfte der Studenten lässt Teile fremdschreiben»

Die Genfer Uni-Professorin Michelle Bergadaà gilt europaweit als eine der renommiertesten Expertinnen für Plagiate und Ghostwriting. Jede Woche beurteilt sie für Universitäten aus ganz Europa, ob Doktortitel deshalb aberkannt werden müssen.

Bergadaà ist über die Zunahme des universitären Betrugs alarmiert. Sie vermutet aufgrund amerikanischer Erhebungen, dass auch in der Schweiz kräftig geschummelt wird. Sie nimmt an, die Hälfte der Studenten kaufe zumindest einen Teil ihrer Arbeit oder lasse sich helfen: «10 Prozent lassen sich ausser Einführung, Fazit und Verdankung alles von einer Drittperson schreiben.» Auch gegen Bezahlung.

Bergadaà fordert, dass Schweizer Universitäten entschiedener gegen das Problem vorgehen. Michael Hengartner, Rektor der Uni Zürich, hat an der «Rundschau»-Theke Stellung genommen.

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Theke: Michael Hengartner, Präsident der Rektorenkonferenz

9:17 min, aus Rundschau vom 6.1.2016