Ein Mann soll eine Mitarbeiterin der Psychiatrie in sein Zimmer gelockt haben, sie dort an den Handgelenken gepackt und in ihre Hose gegriffen haben. So steht es in der Anklageschrift eines Falls, der in diesen Tagen am Basler Strafgericht verhandelt wird. Der Mann muss sich wegen versuchter Vergewaltigung vor Gericht verantworten.
Keine Einzelfälle
Ein anderer Mann steht wegen Körperverletzung vor Gericht. Er soll einen Pfleger mit Faustschlägen am Kopf verletzt haben. Dies seien keine Einzelfälle, sondern nur die Spitze des Eisbergs, sagt Daniel Simon, Präsident der Sektion beider Basel des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und -männer: «Von sexuellen Übergriffen hören wir häufig.»
Die Leute flippen aus, weil sie lange warten müssen, bis ihre Angehörigen behandelt werden.
Betroffen sei besonders der Langzeitbereich. Dieser wachse stark, weil die Bevölkerung älter werde. Patientinnen und Patienten dort seien kognitiv eingeschränkt und enthemmter. Aber auch auf Notfallstationen sei die Zündschnur kürzer geworden. «Einfach gesagt: Die Leute flippen aus, weil sie lange warten müssen, bis ihre Angehörigen behandelt werden», sagt Daniel Simon.
Das Berner Inselspital registriert 90 Prozent der Fälle von Gewalt gegen Mitarbeitende im Notfall. In den meisten Fällen handle es sich um verbale Gewalt oder Sachbeschädigung, aber auch körperliche Gewalt komme vor, schreibt Sprecher Didier Plaschy. Im Inselspital kümmert sich ein Sicherheitsdienst um schwere Fälle. Diese werden deshalb auch systematisch erfasst.
Keine schweizweiten Zahlen
Eine nationale Statistik solcher Übergriffe wird nicht geführt, auch wenn der Spitalverband H+ ein wachsendes Problem für seine Mitglieder wahrnimmt. Tatsächlich zeigte eine Befragung der Uni Basel vor fünf Jahren bereits eine alarmierende Situation in der Psychiatrie. Fast ein Drittel der Befragten gab an, während der gesamten Karriere mindestens einmal körperlich schwer verletzt worden zu sein.
Doch obwohl die Gewalt zunimmt: Anzeigen gegen Gewalt haben nicht zugenommen. Dafür gebe es zwei Gründe, sagt Marc Graf, ehemaliger Chefarzt bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel: «Als Therapeutin oder Therapeut hat man viele Loyalitätskonflikte. Sie wollen ihre Patientinnen und Patienten nicht anzeigen, um diesen nicht noch mehr Probleme zu machen.»
Gewalt im Spital soll Offizialdelikt werden
Dazu komme: Wer eine Anzeige bei der Polizei macht, muss seine private Adresse angeben. Davor schreckten viele zurück, aus Angst davor, dass potenziell gewaltbereite Personen die eigene Adresse kennen. Graf fordert deshalb, dass solche Fälle als Offizialdelikt behandelt werden, die Behörden also von sich aus ermitteln und nicht erst nach einer Anzeige.
Vorerst müssen Spitäler und Kliniken aber selbst für die Sicherheit ihrer Angestellten besorgt sein. Viele grosse Spitäler haben heute rund um die Uhr Sicherheitspersonal. Das Unispital Basel etwa bildet zusätzlich ihre Mitarbeitenden in Deeskalation aus.