«Ich habe in den Bergen im Grünen Cervelat gebrätelt»

Wetterkapriolen überall auf der Weltkugel: Die Schweiz wartet auf den Schnee, England und Südamerika versinken in den Fluten. Was hat mit dem Klimawandel zu tun, was ist Zufall? Ein Klimaforscher gibt Auskunft.

Zwei Männer bräteln Würste über einem Feuer in den Bergen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bräteln statt Skifahren: Die momentane Trockenheit in den Bergen ist nicht unbedingt dem Klimawandel zuzuschreiben. Keystone

SRF News: Was geht einem Klimaforscher bei der momentanen Schneelage in der Schweiz durch den Kopf?

Reto Knutti: Es ist wirklich eine ungewöhnliche Situation, wenn man auf 2000 Meter in schneefreiem Gelände am Cervelatbräteln ist, so wie ich gestern. Aber das Wetter ist immer variabel. Einige Sachen sind zufällig, andere stimmen einen nachdenklich.

Warme Temperaturen und kein Schnee: Spüren wir die Folgen des Klimawandels?

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Reto Knutti

Reto Knutti

Der Klimaforscher leitet die Gruppe Klima-Physik an der ETH Zürich. Reto Knutti ist Spezialist für Prognose-Modelle und untersucht die langfristigen Auswirkungen des von Menschen verursachten Treibhausgas-Ausstosses auf das Klima.

Definitiv sind die warmen Temperaturen ein Effekt des Klimawandels. Es ist aber nicht jeder Winter schneefrei und warm. Aber wir beobachten schon, dass seit Jahrzehnten die warmen Winter häufiger sind.

Wie ist es mit der Trockenheit?

Die Trockenheit im Winter ist nicht unbedingt dem Klimawandel zuzuschreiben. Das kann zufällig sein. Die Trockenheit im Sommer hingegen, wie sie diesen Sommer bei uns vorherrschte, ist wahrscheinlich eine Folge des Klimawandels.

Sind der momentane Schneemangel und die Wärme einfach Zufall?

Den Schneemangel würde ich als Zufall bezeichnen. Die Wärme hingegen ist eine langfristige Entwicklung, an die wir uns gewöhnen müssen.

In Grossbritannien hingegen regnet es zurzeit ohne Ende. Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Wetterextremen?

Einen direkten Zusammenhang erkenne ich nicht. Es gibt Leute, die sagen, dass das Klimaphänomen El Niño einen Einfluss auf die Niederschläge in England hat. Ich bin da aber skeptisch und würde es eher dem Zufall zuordnen. Obwohl die langfristige Entwicklung mit wärmeren Temperaturen zu intensiveren Niederschlägen in der ganzen Welt führen wird.

Es heisst immer wieder, dieses Jahr sei ein El-Niño-Jahr. Stimmen Sie dem zu und wenn ja, wo spürt man das?

Es ist ohne Zweifel ein starkes El-Niño-Jahr. Das ist diese warme Meeresströmung im östlichen Pazifik. Sie beeinflusst vor allem Nord- und Südamerika, aber auch Südafrika und Australien. Man erkennt den Einfluss an den momentan vielen Wetterphänomenen in Amerika. Hingegen ist der Einfluss auf Europa eher gering.

Sie haben vorhin gesagt, es gibt gewisse Sachen, die einen Klimaforscher eher nachdenklich stimmen. Was ist das?

Dass man so grüne Weihnachten sieht, auch wenn es das früher auch schon gab. 2015 wird weltweit das mit Abstand wärmste Jahr. Die Tendenz geht in diese Richtung. Obwohl wir das schon lange sagen, ist es im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch nicht überall angekommen, dass der Mensch hier seine Finger im Spiel hat. Wir sollten es ernst nehmen und etwas dagegen tun.