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Mehr Rettungen auf Bergtouren Fehleinschätzungen bringen Berggänger häufig in Not

Immer mehr Bergtouren enden mit einem Notruf – oft ohne Verletzte. Welche Rolle das Ego dabei spielt.

Rucksack gepackt, Wanderschuhe geschnürt, die Vorfreude gross: Für viele ist die Vorbereitung damit erledigt. Und doch enden Bergtouren immer öfter mit einem Anruf bei der Bergrettung. Fast 4000 Menschen mussten letztes Jahr beim Schweizer Bergsport gerettet werden – rund elf Prozent mehr als im Durchschnitt seit 2020.

Was die neue Statistik des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) ebenfalls zeigt: Weniger Menschen wurden bei Bergunfällen verletzt oder getötet. Es wirkt wie ein Widerspruch: mehr Einsätze, aber weniger schwere Unfälle.

Für den Sozial- und Persönlichkeits­psychologen Bernhard Streicher lassen sich daraus zwei Entwicklungen ablesen: Einerseits seien die Ausrüstung sowie die Infrastruktur besser geworden. Andererseits gebe es «offensichtlich eine Nichtpassung zwischen den Anforderungen am Berg und den Möglichkeiten oder Fähigkeiten der Berggänger. Viele wählen also Touren, die für die eigene Erfahrung und Kondition zu anspruchsvoll sind.» Der ehemalige Professor forscht heute selbständig zu Risiken im Bergsport.

Die häufigsten Gründe für Rettungseinsätze sind Blockierungen und Erschöpfung. Von klassischer Selbstüberschätzung spricht Streicher aber nur bedingt: «Ich würde eher sagen, das ist eine Fehleinschätzung. Die eigenen Fähigkeiten werden höher eingeschätzt, als sie tatsächlich sind.»

Auffällig in der Statistik sind Unterschiede bei Alter und Geschlecht. Unter den unverletzt oder gesund Geretteten sind jüngere Personen übervertreten. 65 Prozent sind unter 40 Jahre alt, bei allen Notfällen liegt ihr Anteil bei 49 Prozent.

Noch deutlicher ist der Unterschied bei den Todesfällen. In den Jahren 2021 bis 2025 sind insgesamt 563 Menschen tödlich verunglückt. Rund 80 Prozent davon waren Männer. Dabei gilt es jedoch auch zu beachten, dass generell mehr Männer als Frauen im Gebirge unterwegs sind.

Das sagt der SAC zu den vielen Unverletzten

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Immer mehr Menschen werden in den Bergen gerettet, ohne verletzt zu sein. 2025 waren es rund 1500 Personen und damit fast vier von zehn Einsätzen.

Die Gründe für diese Entwicklung seien nicht eindeutig, schreibt der Schweizer Alpen-Club (SAC) zu ihrer Publikation. Eine mögliche Erklärung sei, dass dank Handy und besserer Netzabdeckung schneller Hilfe gerufen werden könne.

Zudem sei die Bergrettung heute stärker professionalisiert, Bergungen erfolgten oft bevor es zu Verletzungen komme. Gleichzeitig sei denkbar, dass mehr Personen in Not geraten, weil sie ihre Tour unterschätzen oder zu wenig planen.

Bernhard Streicher sieht darin ein bekanntes Muster: «Gerade junge Männer neigen zu einem gewissen Imponierverhalten, das mit mehr Risikoverhalten einhergeht. Junge Frauen werden eher so sozialisiert, dass sie sich bei riskanten Aktivitäten zurückhalten.»

Entscheidend sei aber nicht nur das Geschlecht: «Die individuellen Unterschiede – etwa Persönlichkeitsmerkmale und Sozialisation – sind viel grösser als die Unterschiede zwischen Männern und Frauen.» Beispielsweise ängstliche Menschen begeben sich weniger in Situationen, die mit einem Risiko einhergehen.

Gefahr im Hintergrund

Bei der Risikoeinschätzung spielt auch der sogenannte «Construal-Level-Effekt» eine Rolle. «Dinge, die psychologisch nahe sind, werden konkreter eingeschätzt», erklärt Streicher. «Das unmittelbare Erlebnis am Berg ist nah. Ein möglicher Unfall oder Kosten liegen in der Zukunft und wirken abstrakt und unwahrscheinlich.» Deshalb spiele auch das finanzielle Risiko eines Rettungseinsatzes oft keine Rolle.

Was hilft?

Um solche Situationen zu vermeiden, brauche es vor allem zwei Dinge: Präventionsarbeit und bessere Risikokompetenz. «Junge Menschen sollten lernen, wie man in gefährlichen Situationen gute Entscheidungen trifft», sagt Streicher. Dazu gehöre auch, Gruppendynamiken zu erkennen – und im Zweifel eine Bergtour nicht anzutreten oder rechtzeitig umzudrehen.

Vorbereitet in die Berge: drei Tipps

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Skifahrer auf verschneitem Hang mit rotem Rega-Helikopter am Himmel.
Legende: Wir müssen verstehen: «Die Berge sind stärker als wir selber», sagt Risikoforscher Bernhard Streicher. Keystone/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Risikoforscher Bernhard Streicher erklärt, worauf es bei der Tourenplanung ankommt, um Notlagen zu vermeiden:

  • Planung: Eine Tour beginnt vor dem Aufbruch. Wer gut plant, kennt Route, Wetter, Zeitbedarf und mögliche Gefahrenstellen. Verlässliche Tourenbeschreibungen sind zentral, nicht nur ungeprüfte Tipps aus Sozialen Medien. Ziel ist ein realistisches Bild davon zu erhalten, was einen erwartet.
  • Optionen statt Ziel: Nicht nur auf den Gipfel fixieren. Gipfel A ist zwar eine Option, doch es gibt auch die Optionen B und C, die auch einen Erfolg darstellen können. Wer in Alternativen denkt, kann flexibel reagieren. Entscheidend ist, immer Handlungsoptionen zu haben: «Wenn ich am Grat stehe und ein Gewitter aufzieht, ich aber darüber muss, habe ich was falsch gemacht.»
  • Innehalten: Unterwegs regelmässig prüfen, ob alles noch passt: Wetter, Tempo, Verhältnisse. Entwickelt sich etwas anders als erwartet, sollte der Plan angepasst oder die Tour abgebrochen werden.

SRF 4 News, 27.03.2026, 09:00 Uhr;stal;noes

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