Häusliche Gewalt ist für die Polizei längst zu einem der grössten Probleme geworden. Im Kanton Zürich muss sie rund 22 Mal am Tag in diesem Zusammenhang ausrücken, auch schweizweit steigen die Fälle Jahr für Jahr an.
Eine Umfrage des Forschungsinstituts GFS zeigte schon vor sieben Jahren, dass jede fünfte Frau sexualisierte oder häusliche Gewalt erlebt. Aber: Nur die Hälfte der Betroffenen hat auch mit jemandem darüber gesprochen.
Unter anderem darum hat der Kanton Zürich die rechtsmedizinische Versorgung verstärkt und vor zwei Jahren ein Pilotprojekt mit sogenannten «forensic nurses» eingeführt. Es handelt sich dabei um speziell ausgebildete Pflegekräfte, die bei Gewaltopfern Spuren sichern, auch wenn diese noch keine Anzeige erstatten möchten.
Zahl der Untersuchungen liegt über den Erwartungen
Die Nachfrage nach dem Dienst war von Beginn an gross: Von April bis Dezember 2024 wurden statt der erwarteten 150 Fälle insgesamt 279 forensische Untersuchungen und Telefonberatungen verzeichnet. Im Jahr 2025 waren es 512. Das zeigen Zahlen, die der Kanton Zürich bekannt gegeben hat.
Mit der Pilotphase sei man sehr zufrieden, sagt Nadja Weir vom Amt für Gesundheit im Kanton Zürich. «Wir finden, dass das Projekt sehr gut gestartet ist und sehr gut angenommen wurde.» Dies zeigten auch die Rückmeldungen, insbesondere der Opferberatungsstellen, über die sie auch positive Rückmeldungen von Opfern erhalten habe.
Als Erfolg wertet Weir vor allem, dass Opfer in 13 Prozent der Fälle nachträglich noch eine Anzeige bei der Polizei erstattet haben.
«Man hat Vergleiche mit der Zeit, als bei Opfern, die keinen Anzeigewunsch hatten, das Spitalpersonal die Spuren sichern konnte und diese ein Jahr lang am Institut für Rechtsmedizin aufbewahrt hatte», sagt sie. «In dieser Zeit kam es zu sehr wenigen Anzeigen. Das heisst: 13 Prozent sind vergleichsweise hoch.» Auch im Ausland würden bei ähnlichen Diensten eher Zahlen im einstelligen Bereich registriert.
Deshalb soll das Pilotprojekt nun in den regulären Betrieb übergehen. Der Kanton Zürich sieht dafür für die Jahre 2027 bis 2030 Ausgaben in der Höhe von 8.6 Millionen Franken vor. Das Angebot schliesse eine wichtige Versorgungslücke, sagt Weir. Das habe auch eine Evaluation der Zürcher Hochschule ZHAW gezeigt. Die Zusammenarbeit zwischen Spitälern, Opferberatungsstellen, Polizei und Staatsanwaltschaft funktioniere sehr gut.
Forensic Nurses werden weiterentwickelt
Der Kanton Zürich ist mit seinen Forensic Nurses aber noch nicht am Ziel. So soll der Dienst zum Beispiel noch bekannter gemacht werden. Eine erste Kampagne Ende 2025, als im ÖV im Raum Zürich Plakate aufgehängt wurden, habe zwar Wirkung gezeigt. Man wolle aber den Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung weiter steigern, sagt Weir.
Zudem ist geplant, bis Anfang 2028 eine ambulante Anlaufstelle zu schaffen. Diese soll eine niederschwellige Möglichkeit bieten, dass Opfer nicht den Spitalnotfall aufsuchen müssen. «Es geht natürlich auch darum, Anlaufstellen zu schaffen für Opfer, die keine Behandlung im Spital nötig haben», sagt Weir. «Wir wollen auch diejenigen, die vielleicht nur ‹leichtere› Hämatome haben, nicht verlieren und auch ihnen Dienstleistungen anbieten.»