Wenn es um Hochwasserschutz geht, ist oftmals von Jahrhunderthochwassern die Rede. Vereinfacht gesagt: einem Hochwasser, das statistisch gesehen alle 100 Jahre auftritt. In Zukunft könnte dies im Alpenraum aber alle 45 bis 80 Jahre der Fall sein. Dies zeigt eine neue Studie des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos im Auftrag des Bundes.
Häufigere Hochwasser, stärkere Hochwasser – das sind die Erkenntnisse der Wissenschaft. Die Grundlage für die Studie sind Daten aus sogenannten Klimaprojektionen. Diese langfristigen Modellrechnungen zeigen, wie sich das Klima je nach Erwärmung entwickelt. Darüber hinaus erfassten die Forschenden auch Daten von fast 400 Flüssen.
Bis dato war es üblich, dabei Tageswerte zu untersuchen, also: Wie viel regnet es in 24 Stunden? Bei der neuen Studie betrachtete man Stundenwerte. SLF-Forscher und Hydrologe Paul Astagneau erklärt: «Es reicht nicht, die Daten auf Tagesbasis zu betrachten. Betrachtet man die Stundenwerte, zeigt sich, dass Flüsse viel schneller und heftiger reagieren, wenn es plötzlich stark regnet.»
Kurzer, starker Regen gleicht fehlenden Schnee aus
Eigentlich rechneten die Experten damit, dass die Hochwassergefahr aufgrund des ausbleibenden Schnees und des somit ausbleibenden Schmelzwassers gar leicht abnehmen könnte. Dem scheint nicht so. Mit jedem Grad Klimaerwärmung werden Starkregenfälle intensiver. Konkret: Die Forschenden rechnen mit rund sieben Prozent intensiverem Starkregen innerhalb einer Stunde pro zusätzlichem Grad.
«Unsere Studie zeigt, dass es mehr extreme Regenfälle geben wird», sagt Forscher Paul Astagneau weiter. «Die heftigen Regenfälle werden den Rückgang beim Schmelzwasser ausgleichen.»
Trotzdem: Es lässt sich nicht voraussagen, ob es in gewissen Flüssen zu mehr Hochwasser kommen wird. Ein Beispiel: der Rhein. Dort plant man wegen Jahrhunderthochwassern ein Jahrhundertprojekt. Rhesi ist ein internationales Milliardenvorhaben im St. Galler Rheintal für den Schutz vor Hochwasser.
Je genauer die Daten, desto besser für den Hochwasserschutz. Erstaunt über die Resultate aus der Studie sei er nicht, sagt Rhesi-Gesamtprojektleiter Markus Mähr: «Je kürzere Zeitschritte gesetzt werden, desto besser die Ergebnisse.»
Bei der Planung stütze man sich auf Daten des Bundesamts für Umwelt und des Ministeriums in Wien. «Alle 10 bis 20 Jahre wird überprüft: Stimmen die Annahmen noch, was die Abflüsse für seltene Ereignisse angeht?» Rhesi suche Lösungen für alle möglichen Szenarien.
Die Dämme müssen einfach standhalten
Als Ingenieure gingen sie pragmatischer an die Sache, sagt Markus Mähr: «Wir versuchen, nicht ins Detail zu berechnen. Wenn es in Zukunft Unsicherheiten gibt, müssen wir trotz dieser Unsicherheiten den grösstmöglichen Schutz für die Bevölkerung schaffen. Das heisst: Wir müssen das System so anlegen, dass es nicht kollabiert, sollte es einmal darüber hinausgehen.» Sprich: Der Fluss darf über die Ufer treten, die Dämme müssen einfach standhalten.
Mit dem Hochwasserschutzsystem im Rheintal wolle man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Auch wenn die Jahrhunderthochwasser nun vielleicht öfter kommen. Eventualitäten, die sich eben auch ändern – mit den Klimaveränderungen und den Forschungsdaten, die immer genauer werden.