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Neuer Bildungsbericht Frage an Forscher: Wie gut ist das Schweizer Bildungssystem?

Der neue Bildungsbericht Schweiz zeigt: Ein wichtiges Bildungsziel wird verfehlt. Der Bildungsforscher Stefan Wolter erklärt, warum das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Allgemeinbildung entscheidend ist und warum künstliche Intelligenz Bildung nicht ersetzen wird.

Stefan Wolter

Schweizer Bildungsforscher

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Stefan Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. Diese erstellt seit 20 Jahren den Schweizer Bildungsbericht, er erscheint alle vier Jahre.

SRF News: Nur noch gut 90 Prozent statt der angestrebten 95 Prozent der 25-Jährigen haben einen Abschluss der Sekundarstufe II. Die Quote ist im Vergleich zur letzten Messung leicht gesunken. Woran liegt das?

Stefan Wolter: Eine genaue Ursache ist schwer festzumachen, da sich Entscheide in der Primarschule erst 15 Jahre später in dieser Statistik zeigen. Klar ist aber: Ein solcher Abschluss ist sehr wichtig. Menschen ohne Berufslehre oder Maturität sind häufiger arbeitslos, geraten eher in die Sozialhilfe und haben später eine schlechtere Rente. Die langfristigen Kosten für Individuum und Gesellschaft sind enorm.

Im Vergleich zu anderen Ländern fällt die Schweiz zum Glück weniger stark ab, dennoch ist der Negativtrend ein Problem.

Welche Kantone schneiden besser ab?

Die Kantone, die eine starke Berufsbildung haben. Der Anteil an allgemeinbildenden Abschlüssen – also Gymnasium und Fachmittelschule – sollte bei rund 20 Prozent liegen, im Schweizer Durchschnitt liegt er aber bei über 30 Prozent. Die Politik muss hier eingreifen. Man muss sich bewusst sein, dass Politik und Verwaltung die Allgemeinbildung betreiben und daher oft der grösste Konkurrent der Berufsbildung sind.

Schweiz verfehlt 2011 festgelegtes Bildungsziel immer mehr

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Kinder beobachten wissenschaftliches Experiment mit Kerzen und Glas.
Legende: Keystone / Gaetan Bally

In der Schweiz erreichen noch 90.1 Prozent aller 25-Jährigen einen Abschluss auf der Sekundarstufe II. Das zeigt der neuste Bildungsbericht Schweiz, der alle vier Jahre vorgelegt wird. Das Ziel wäre, dass 95 Prozent aller 25-Jährigen einen solchen Abschluss aufweisen.

Noch im Jahr 2016 hätten 91.5 Prozent aller 25-Jährigen einen Abschluss auf der Sekundarstufe II erreicht, teilten der Bund und die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) mit. Das heisse aber auch, dass diese Quote auf einem seit Jahren stabil hohen Niveau verbleibe. Das sei mit Blick auf die Arbeitsmarktfähigkeit der 25-Jährigen wichtig.

Unter dem Titel Sekundarstufe II werden in der Schweiz nach-obligatorische Bildungsgänge wie gymnasiale Maturitätsschulen, Fachmittelschulen und berufsbildende Ausbildungsgänge zusammengefasst. (sda)

Gleichzeitig sinken die Leistungen der Schülerinnen und Schüler bei den PISA-Tests seit 2015. Warum?

Einerseits steigen die Mindestanforderungen des Arbeitsmarktes stetig an und somit auch die Kompetenzerwartungen im Test. Andererseits zeigen die Daten aber auch eine Verschlechterung bei den gleichbleibenden Fragestellungen. Das betrifft nicht nur die Schweiz, es ist ein internationaler Trend, dessen Ursachen noch unklar sind. Im Vergleich zu anderen Ländern fällt die Schweiz zum Glück weniger stark ab, dennoch ist der Negativtrend ein Problem.  

Fachliche Kompetenzen werden durch die KI noch wichtiger. Das erhöht den Druck, kann aber auch motivieren.

Ist die künstliche Intelligenz die Lösung für fehlende Kompetenzen?

Nein, KI ist ein süsses Gift. Man könnte versucht sein zu glauben, Kompetenzen seien nicht mehr so wichtig, weil KI alles übersetzen oder ausrechnen kann. Doch das Gegenteil ist der Fall. In den Händen von mittelmässigen Anwendern bleibt KI ein stumpfes Werkzeug. Ihre wahre Kraft entfaltet sie nur bei Leuten mit exzellentem Fachwissen. KI verzeiht keine Logikfehler und keine unpräzise Sprache.

Was heisst das für die Schule?

Es bedeutet, dass wir in der Schule noch viel besser und genauer werden müssen. Fachliche Kompetenzen werden durch die KI noch wichtiger. Das erhöht den Druck, kann aber auch motivieren. Schülerinnen und Schüler sehen, dass sie mit einer soliden Basis und KI in Zusammenarbeit Grosses erreichen können.

Zentral für eine erfolgreiche Bildung ist die obligatorische Schule. Hier wird aktuell das integrative Modell kontrovers diskutiert. Viele Lehrpersonen sind am Anschlag. Wäre eine Rückkehr zu mehr Sonderklassen eine Lösung?

Die Forschung zeigt, dass Integration für Kinder mit besonderen Bedürfnissen besser ist und den anderen nicht schadet, solange die Verteilung in den Klassen stimmt. Eine komplette Separation würde zudem an einem simplen Fakt scheitern: Wir hätten gar nicht genug ausgebildete Lehrpersonen, um diese Klassen zu unterrichten. Ausserdem ist eine Separation meist eine Einbahnstrasse: 80 Prozent der Kinder, die in der ersten Primarklasse separiert werden, sind es auch am Ende der Primarschule noch.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Tagesgespräch, 23.3.2026, 13 Uhr ; 

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