Die Schweiz blickt auf die erfolgreichsten Winterspiele ihrer Geschichte zurück. 23 Medaillen brachte die Delegation aus Norditalien mit nach Hause. Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic, erklärt im Interview mit SRF die Gründe für den Erfolg, was die Schweiz von Norwegen lernen kann und was ihm trotz des Rekords Sorgen bereitet.
SRF: Mit 23 Medaillen hat die Schweiz so viele gewonnen wie noch nie. Kann man sagen: Der Schweizer Wintersport ist gut aufgestellt?
Ralph Stöckli: Ja, die Bilanz ist überzeugend. Der entscheidende Punkt ist: Wir sind viel breiter aufgestellt als noch vor vier Jahren. In Peking holten Athletinnen und Athleten aus drei Sportarten Medaillen, jetzt sind es acht. Der Erfolg ist viel breiter abgestützt.
Die Erfolge motivieren junge Menschen, Sport zu machen.
Warum ist Ihnen diese Breite so wichtig?
Das passt zur Schweiz. Wir wollen eine Breite, weil uns der Breitensport wichtig ist. Die Erfolge im Spitzensport inspirieren die ganze Gesellschaft und motivieren junge Menschen, Sport zu machen.
Norwegen setzt im Nachwuchsbereich stark auf die Freude am Sport und verzichtet teils auf Ranglisten. Ein Modell für die Schweiz?
Absolut. Wir setzen das zum Teil schon um. Wenn in jungen Jahren die Freude an der Bewegung im Zentrum steht und nicht der Leistungsgedanke, bleiben die Kinder länger im Sport. Freude ist eine Energiequelle für den langen Weg an die Spitze.
Ein kleiner Dämpfer sind die 33 Diplome für Top-8-Plätze. Hier hat die Entwicklung stagniert. Droht ein Nachwuchsproblem?
Es ist zu früh für eine explizite Aussage, aber das ist ein Punkt, den wir sehr genau analysieren müssen. Auf den Diplom-Rängen ist oft die nächste Generation. Wir müssen verstehen, warum die Entwicklung hier nicht im gleichen Mass stattgefunden hat wie bei den Medaillen. Noch habe ich keine Erklärung.
Ein dezentraler Ansatz, der auf bestehende Infrastruktur setzt, ist der einzig nachhaltige Weg.
Die Schweiz kandidiert für die Winterspiele 2038 mit einem dezentralen Konzept. Bleibt das nach den Erfahrungen in Italien, wo die Olympia-Stimmung teilweise fehlte, der richtige Weg?
Ja, das ist die Zukunft der Winterspiele. Ein dezentraler Ansatz, der auf bestehende Infrastruktur setzt, ist der einzig nachhaltige Weg. Die Herausforderung ist, trotzdem ein olympisches Erlebnis für die Athletinnen und Athleten zu schaffen.
Und wie schafft man das?
Durch zentrale olympische Dörfer, in denen Athletinnen und Athleten verschiedener Nationen und Sportarten zusammenleben. Und durch grosse, gemeinsame Siegerehrungen am Abend. Das sind die Momente, die das Herz der Spiele ausmachen und die wir auch bei einem dezentralen Konzept sicherstellen müssen.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.