Ostschweizer Dschihad-Reisender hält Ehefrau in Syrien fest

Ein junger Ostschweizer befindet sich seit 6 Monaten in Syrien. Recherchen von SRF und den «Stuttgarter Nachrichten» zeigen: Er hat sich der Terrororganisation Jabhat al-Nusra angeschlossen. Und er hält seine deutsche Ehefrau gegen ihren Willen im Kriegsgebiet fest. Die Behörden sind alarmiert.

Das junge Paar, unkenntlich gemacht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der junge Mann liess seine Frau nach Syrien nachkommen – heute sitzt sie dort fest. SRF

Es sind eindringliche Tondokumente, die der «Rundschau» vorliegen: Johanna*, eine 22-jährige deutsche Frau, sendet Lebenszeichen an ihre Familie: «Ich will nach Hause, bitte helft mir.» Seit einem halben Jahr lebt sie in Syrien, in der Region Idlib, mitten in einem Kriegsgebiet – unfreiwillig. Festgehalten wird sie von ihrem Ehemann Onur*, einem 21-jährigen Logistik-Fachmann aus Arbon (TG).

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Jabhat al-Nusra

Jabhat al-Nusra wurde im Jahr 2011 gegründet. Kopf der Organisation ist Fatih Abu Muhammad al-Julani. Im April 2013 hat dieser öffentlich den Treueeid auf Ayman al-Zawahiri abgelegt. Die Nusra-Front gilt als Al-Kaida-Regionalorganisation für Syrien. Seit dem Jahr 2013 stuft der Sicherheitsrat der UNO die Nusra-Front als Terrororganisation ein.

Auch Onur schickt Sprachnachrichten per Whatsapp. «Ich bin hergekommen, um die Köpfe der Kufar abzuschlagen. Ich bin bereit.» Die Kufar, die Ungläubigen, zu bekämpfen, sei seine Pflicht. Und er droht aus Syrien: «Irgendwann sind wir in der Schweiz.» Onur macht den Daheimgebliebenen klar: Er kämpft im Dschihad. Er hat sich Jabhat al-Nusra angeschlossen, einem Ableger der Terrororganisation Al-Kaida.

Journalisten der deutschen Tageszeitung «Stuttgarter Nachrichten» und des SRF haben monatelang recherchiert, um den Weg von Johanna und Onur nach Syrien nachzuzeichnen.

«Es gab immer Streit, ein Riesengeschrei»

Kennengelernt haben sich die beiden über eine Heiratsvermittlung. Doch eine Sache verband sie bereits vorher: Beide hatten Kontakt zum Verein «Lies! – die wahre Religion». «Lies!» ist das Projekt des deutschen Salafisten-Predigers Ibrahim Abou-Nagie. Er will 25 Millionen Koran-Übersetzungen verteilen lassen.

Facebook-Eintrag Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Polizei-Kopie des mittlerweile gelöschten Facebook-Eintrages. SRF

Deutsche Sicherheits-Behörden beobachten «Lies!» seit 2011. «Die Problematik liegt darin, dass relativ viele Leute, die mit dieser «Lies!»-Aktion konfrontiert oder aktiv waren, in der Zwischenzeit in den Dschihad gegangen sind», sagt Manfred Schmitt, zuständig für Islamismus beim Staatsschutz der Stuttgarter Polizei. Er weiss auch durch die Überwachung von Facebook-Einträgen, dass Johanna 2013 durch die Verteilaktion zum Islam konvertiert ist.

Der Thurgauer Onur hat sich 2013 für den Aufbau von «Lies!» 2013 in der Schweiz engagiert. Er nahm regelmässig an Koran-Verteilaktionen in der Deutschschweiz teil.

Onur stammt aus einer türkischen Grossfamilie, hat seit 1995 den Schweizer Pass. Vor seiner Radikalisierung sei er integriert gewesen, habe Fussball gespielt, Parties gefeiert, erzählen Personen, die ihn gekannt haben. Nahe Verwandte sagen, dass er doch nur Hilfsgüter nach Syrien habe bringen wollen und letztlich Opfer einer Gehirnwäsche durch radikale Prediger sei.

Johanna und Onur heirateten in einer Moschee in Stuttgart nach islamischem Recht, anschliessend in der Schweiz standesamtlich. Das Paar zog im Jahr 2013 nach Arbon in ein Mehrfamilienhaus. Eine Nachbarin erinnert sich: «Es gab immer Streit, ein Riesengeschrei. Die Frau war komplett verschleiert.»

Heute ist die Wohnung verlassen. An der Wohnungstüre finden sich Spuren eines Polizeisiegels. Ende des Jahres 2014 durchsuchte die Bundesanwaltschaft die Wohnung. Auf Hinweis der deutschen Behörden. Doch da war das Paar bereits in Syrien.

Geburt im Kriegsgebiet

Recherchen der «Rundschau» und SRF-Data zeigen: Onur reiste bereits im Spätsommer 2014 auf dem Landweg aus der Schweiz über Italien und Albanien nach Syrien. Johanna folgte ihm – schwanger – im Oktober.

Die genauen Umstände ihrer Reise sind unklar. Ihrer Schwester sagte sie, sie wolle nur für eine Woche zu ihrem Mann nach Syrien. Doch Johanna kam nicht zurück.

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Seither empfängt die Familie regelmässig ihre Hilferrufe. «Man muss eigentlich jeden Tag mit dem Gedanken umgehen, ob man sie wiedersieht, ob sie die Situation überlebt», so die Mutter. Am letzten Montag kam die Nachricht, Johanna habe eine Tochter geboren – mitten im Kriegsgebiet.

Behörden sind alarmiert

Für Reinhold Gall, Innenminister des Bundeslandes Baden-Württemberg, hat das Drama um Johanna höchste Priorität, denn sie sei nicht freiwillig in Syrien: «Diese junge Frau möchte gerne wieder nach Hause. Bis jetzt wird ihr die Rückkehr verwehrt.»

Auch in der Schweiz sind die Behörden aktiv. An der «Rundschau»-Theke bei Sandro Brotz nimmt Bundesanwalt Michael Lauber erstmals zum Fall des Thurgauer Dschihad-Reisenden Onur und seiner verschleppten Frau Johanna Stellung.

* Namen geändert

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