Manchmal beginnen grosse Projekte unspektakulär. Bei Roger Jost (Buchhalter, 40 Jahre) war es ein Youtube-Video von vier Engländerinnen, die den Atlantik überquerten.
Zuerst reagierte er mit Verwunderung: «Ich erinnere mich noch daran, dass ich beim ersten Mal gedacht habe: Wer macht denn so etwas?» Doch die Geschichte liess ihn nicht mehr los.
Irgendwann wurde aus Bewunderung ein Traum: «Ich habe mich dabei ertappt, wie ich zu mir selbst gesagt habe: Irgendwann machst du das auch. Und weil ‹irgendwann› meistens ‹nie› bedeutet, bin ich aufgestanden, zum Computer gegangen und habe mich angemeldet.»
Im Dezember 2026 will der Zürcher solo bei der Regatta «World’s Toughest Row» starten und von den Kanarischen Inseln bis nach Antigua rudern. Die Strecke misst rund 5000 Kilometer. Für die Überfahrt rechnet er mit rund 50 Tagen.
Ein Leben, das sich dem Ziel unterordnet
Der erste Gedanke am Morgen gelte dem Atlantikprojekt, erzählt Roger Jost, der letzte am Abend ebenfalls. Zwischen diesen beiden Momenten liegen Trainings und viel Organisatorisches.
Auf dem Zürichsee trainiert er die Grundlagen und testet dort, wie sein Körper auf stundenlanges Rudern reagiert. Dabei entwickelt er Routinen für den Alltag. Der Atlantik sei aber dann doch eine ganz andere Hausnummer, sagt Roger Jost.
Wer wochenlang allein auf dem Ozean unterwegs ist, muss körperlich fit sein. Dafür trainiert der begeisterte «Crossfitter» täglich.
Doch die grösste Herausforderung sieht Roger Jost woanders: «Ich habe ganz klar mehr Respekt vor der mentalen Herausforderung als vor der körperlichen.» Offene Hände, Druckstellen oder Erschöpfung gehörten zum Abenteuer dazu.
Schwieriger sei die Vorstellung, über Wochen mit sich selbst und dem Meer allein zu sein. Trotzdem überwiegt die Vorfreude. Die vielen Trainingsstunden in Holland auf dem Meer hätten ihm gezeigt, dass die Routinen funktionierten.
Verzicht für einen Traum
Das Abenteuer kostet bis zu 150'000 Franken. Eine Summe, die viele abschrecken würde. Roger Jost entschied sich für einen anderen Weg.
Er begann früh zu sparen und stellte sein Leben um: «Ich habe bewusst angefangen, auf viele Dinge zu verzichten. Zum Beispiel bin ich nicht mehr in die Ferien gefahren und in eine günstigere Wohnung gezogen.» Das zeigt: Roger Jost verzichtet auf viel für sein Abenteuer, weil er sich ein Ziel gesetzt hat, das grösser ist als sein Alltag.
Ein Traum, ein Boot, 5000 Kilometer: Roger und Ronja
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Bild 1 von 4. Roger vertraut auf Ronja: Mit diesem Hochsee-Ruderboot will der Zürcher von den Kanaren bis in die Karibik gelangen. Bildquelle: Riccardo Farrace.
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Bild 2 von 4. In der Kabine seines Hochsee-Ruderboots überprüft Roger Jost die Technik. Auf diesen wenigen Quadratmetern will er wochenlang leben. Bildquelle: Riccardo Farrace.
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Bild 3 von 4. Auf dem Atlantik wird Roger Jost vollständig auf sein Boot angewiesen sein. Entsprechend sorgfältig fällt die Vorbereitung aus. Bildquelle: Riccardo Farrace.
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Bild 4 von 4. Die Atlantiküberquerung beginnt lange vor dem Startschuss. Roger Jost trainiert seit Jahren für sein grosses Ziel. Bildquelle: Riccardo Farrace.
In vielen Artikeln wird Menschen wie Roger Jost schnell das Etikett «Extremabenteurer» angeheftet. Er selbst kann mit dieser Bezeichnung wenig anfangen.
Tatsächlich hat er vor diesem Projekt keine vergleichbaren Expeditionen unternommen. Stattdessen war er sein Leben lang vom «Crossfit» geprägt. Er bezeichnet sich als ganz gewöhnliche Person, die sich schlicht ein aussergewöhnliches Ziel gesetzt hat.
Vielleicht liegt genau darin die Botschaft seiner Geschichte. Nicht jeder Mensch kann allein über den Atlantik rudern. Aber viele kennen den Wunsch, etwas zu wagen, das zunächst unerreichbar scheint. «Aussergewöhnliche Ziele brauchen nicht aussergewöhnliche Menschen», sagt Roger Jost. Was es benötige, sei Zeit, Disziplin, gute Vorbereitung und Respekt vor der Aufgabe.
Aussergewöhnliche Ziele brauchen nicht aussergewöhnliche Menschen.
Für Roger Jost ist dieses Projekt deshalb längst mehr als eine Atlantiküberquerung. Es ist der Beweis, dass aus einem scheinbar verrückten Gedanken Realität werden kann, wenn man bereit ist, ihm konsequent nachzugehen.