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Rehabilitierung von Tessinern Schweizer kämpften gegen Faschismus – und wurden dafür bestraft

Im Zweiten Weltkrieg kämpften Tessinerinnen und Tessiner gegen den Faschismus in Italien – und wurden verurteilt. Nun sollen sie rehabilitiert werden.

Auf dem Friedhof von Brissago TI liegt Vincenzo Martinetti (1908–1992). Er spielte im Zweiten Weltkrieg eine prominente Rolle im Widerstand. Als Chauffeur arbeitete er für das US-Vizekonsulat in Lugano. Dieses lieferte Waffen für die italienische Resistenza. Martinetti fungierte als Verbindungsmann.

«Er wuchs in Brissago auf und kannte die Gegend schon vor dem Krieg», sagt Historiker Raphael Rues. «Für den Vizekonsul hat er Personen und Material hin und her geschmuggelt.» Martinetti kämpfte darüber hinaus in einer Partisaneneinheit.

Ethische und finanzielle Motive

Martinetti und seine Leute hätten ihr Herz am rechten Fleck gehabt, erklärt sein Neffe Orlando Nosetti. «Sie verstiessen zwar gegen das Gesetz, ihre Aktionen waren jedoch legitim. Sie wollten Menschen helfen, die in grösster Gefahr waren.»

Die Hilfe für die Resistenza dürfe man keinesfalls romantisieren, warnt Historiker Rues. Der Kampf gegen Diktatur und für Demokratie war zwar ein zentrales Motiv. Im Tessin herrschte damals noch Armut. «So wurde der Schmuggel von Waffen und Personen zu einem lukrativen Nebenerwerb.»

Politik will Schweizer Widerstandskämpfer rehabilitieren

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Schweizerinnen und Schweizer, die im Zweiten Weltkrieg freiwillig mit Widerstandsgruppen gegen den Faschismus gekämpft haben, sollen rehabilitiert werden. Das hat der Nationalrat diese Woche entschieden. Alle Fraktionen mit Ausnahme der SVP sind mit der Rehabilitierung einverstanden. Eine finanzielle Entschädigung oder Genugtuung sieht das entsprechende Gesetz aber nicht vor. Als Nächstes muss der Ständerat darüber befinden.

Auch Résistance-Kämpferinnen und -Kämpfer auf französischer Seite sollen rehabilitiert werden. Denn auch dort haben sich Schweizerinnen und Schweizer im Kampf gegen den Faschismus in Nazi-Deutschland engagiert.

In einer Studie identifiziert Historiker Peter Huber 466 Personen, die sich den Forces françaises libres (FFL) oder Forces françaises de l'intérieur (FFI) anschlossen. Grösstenteils handelte es sich um Romands, junge Männer aus bescheidenen Verhältnissen und ehemalige Fremdenlegionäre. Fast die Hälfte wurde nach ihrer Rückkehr in die Schweiz verurteilt. Diverse wurden aus der Armee ausgeschlossen oder ihrer politischen Rechte beraubt.

Der zuständige Bundesrat Beat Jans begrüsst im Namen des Bundesrates die Rehabilitierung. Er sagte diese Woche im Rat: «Die Freiwilligen im französischen und italienischen Widerstand während des Zweiten Weltkrieges haben einen wichtigen Beitrag für Freiheit und Demokratie geleistet.»

Etwa 100 Tessinerinnen und Tessiner versorgten die Widerstandskämpfer mit Waffen und Informationen. Sie versteckten und pflegten Verwundete oder kämpften gemeinsam gegen Faschisten und deutsche Besatzer.

Die «mamma dei partigiani»

Als Rückzugsort und logistische Drehscheibe für Sabotageakte war das Tessin mit seinen wilden, abgelegenen Tälern ideal. Eine Flucht- und Nachschubroute führte über den Ghiridone bei Brissago.

Silvio Baccalà arbeitete hier in der Gärtnerei eines Hotels. Er und sein Bruder versteckten Waffen und schleusten Partisanen auf Saumpfaden über den Grenzgipfel. Unter ihnen Ärzte, Offiziere, Persönlichkeiten, die das Nachbarland nach dem Krieg wiederaufbauten, wie er 1982 im Film «Die unterbrochene Spur» erzählt. Regelmässig begleitete er auch Männer, die aus schweizerischen Arbeits- und Internierungslagern entwichen waren, um weiterzukämpfen.

Partisaninnen und Partisanen aus dem Tessin

Gabriella Antognini war Krankenschwester. Die Kommunistin aus Locarno und ihre Schwester boten Angehörigen der Resistenza Unterschlupf und überbrachten Nachrichten zwischen Italien und der Schweiz. 1971 wurde die «mamma dei partigiani» als erste Frau in die Stadtregierung von Locarno gewählt.

Florindo Meraldi aus Ascona zog mit den Garibaldi-Partisanen in der Region Ossola in die Schlacht. Aus dem Spanischen Bürgerkrieg brachte er militärische Erfahrung mit. 1944 nahmen ihn die Deutschen gefangen und kerkerten ihn mehrere Monate ein.

Urteile erscheinen heute «lächerlich»

Das Tessin stand klar auf der Seite der Resistenza. Die eidgenössische Militärjustiz jedoch kannte keine Gnade. Viele jener, die halfen, wurden verurteilt, sei es wegen illegalen Grenzübertritts, Befreiung von Gefangenen, Verletzung der Neutralität oder «Schwächung der Wehrkraft».

«Aus heutiger Sicht waren die Anklagepunkte lächerlich», sagt Raphael Rues und verweist auf Meraldis Fall. «Er wird angeklagt, die nationale Verteidigung geschwächt zu haben, weil er mit ein paar Hosen und Militärschuhen zu den Partisanen ging.» Mehrere Monate Gefängnis musste er absitzen. Vincenzo Martinetti erhielt vier Monate Haft auf Bewährung, Gabriella Antognini 40 Franken Busse und eine Woche Gefängnis.

Nun sollen sie alle rehabilitiert werden – mehr als 80 Jahre nach Kriegsende.

Buchtipp

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Detaillierte Informationen enthält die Publikation «Kampfzone Ossola. Der Widerstand an der Schweizer Südgrenze 1943–1945», Raphael Rues/Andrej Abplanalp. Verlag hier+jetzt, 2026, Fr. 29.–

Schweiz aktuell, 11.3.2026, 19 Uhr

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