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Sexueller Missbrauch in Kita Wie wirken sich Gewalterfahrungen auf das Erwachsenenleben aus?

Ein Kita-Betreuer soll mindestens 15 Kinder sexuell missbraucht haben. Psychologin Myriam Thoma erklärt, wie sich die frühkindliche Gewalterfahrung auf das Erwachsenenleben Betroffener auswirken kann.

Myriam Thoma

Psychotherapeutin

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Myriam Thoma ist Psychotherapeutin und Dozentin für Klinische Psychologie und Psychopathologie an der Universität Basel. Sie forscht unter anderem zu Frühtraumatisierungen und behandelt auch im therapeutischen Bereich Betroffene.

SRF: Die Opfer des Kita-Betreuers waren zwischen ein und vier Jahre alt. Werden sie sich an die Vorfälle erinnern?

Myriam Thoma: Die frühesten bewussten Erinnerungen entstehen meist im Alter zwischen drei bis vier Jahren. Jemand kann sich dann wohl in Bruchstücken erinnern. Davor sind langfristige Erinnerungen eher selten. Das bedeutet aber nicht, dass jüngere Kinder belastende Erfahrungen nicht auch abspeichern. Kinder in diesem Alter speichern vieles auf nonverbaler Ebene, etwa über wiederholte Erfahrungen, Körperempfindungen und Reaktionen. Belastende Erfahrungen können Spuren hinterlassen, selbst wenn das später nicht explizit formuliert werden kann.

Was können die Folgen eines frühkindlichen Missbrauchs im Erwachsenenalter sein? 

Sexueller Missbrauch ist eine traumatische Erfahrung. Die genauen Folgen sind individuell und hängen mit dem erlebten Kontrollverlust, der Hilflosigkeit in der Situation und fehlender sozialer Unterstützung zusammen. Krankheitsbilder sind beispielsweise posttraumatische Belastungsstörungen oder Angststörungen. Auch das Risiko für Depressionen ist höher und das eigene Selbstbild kann leiden. Schliesslich entwickeln Betroffene oft Bindungsschwierigkeiten.

Schuld ist ein grosses Thema: Beim Opfer wie auch bei den Bezugspersonen.

Was ist für Eltern oder Bezugspersonen bei der Erziehung wichtig?

Sie müssen dem Kind Sicherheit vermitteln, indem sie zuverlässige Bezugspersonen sind. Sie sollten das Kind weder über den Vorfall ausfragen, noch ihn verschweigen. Ansonsten können Betroffene eigene Verhaltensweisen, wie Angstzustände nicht einordnen. Eltern können das Thema etappenweise und in altersgerechter Form offenlegen. Das Erlebnis soll nicht zum zentralen Identitätsmerkmal des Kindes werden, aber auch kein Tabuthema sein. Für diese Balance sollten Bezugspersonen früh professionelle Hilfe beanspruchen – auch für sich selbst. Schuldgefühle und Angst sind auch bei Angehörigen häufig Thema.

Wie behandelt man Betroffene therapeutisch?

Man geht traumafokussiert vor und vertieft gewisse Themen. Bei frühkindlichen Erfahrungen haben Betroffene oft Mühe, ihre Gefühle zu regulieren und stabile Bindungen einzugehen. In der Therapie lege ich einen besonderen Fokus auf Schwierigkeiten in Beziehungen und darauf, ein stabiles Umfeld zu schaffen. Ich fokussiere dann auf die persönlichen Beziehungen und die Etablierung eines stabilen Umfelds. Bei sexuellem Missbrauch spielen zudem Schuld und Scham oft eine wichtige Rolle.

Beim Kita-Betreuer kommen persönlicher und institutioneller Verrat potenziell zusammen.

Häufig passiert sexueller Missbrauch im Familien- oder Bekanntenkreis. Nun war es ein Kita-Betreuer. Sind die potenziellen Folgen andere?

Die Nähe zum Täter kann die Folgen beeinflussen. Bei Bezugspersonen sollte das Kind sich geschützt und aufgehoben fühlen. Auch ein Kita-Betreuer kann ein Vertrauter sein. Dazu kommt, dass er ein Repräsentant einer Institution ist, die das Kind schützen sollte. Zum persönlichen kommt hier institutioneller Verrat hinzu. Der Vertrauensbruch kann sich allumfassender anfühlen.

Welchen Umgang könnten Betroffene mit ihrem Trauma finden? Gibt es ein Best-Case-Szenario?

Ziel ist es, über das Erlebte sprechen zu können, ohne emotional überwältigt zu sein. Im Idealfall können Betroffene die Erfahrung in die eigene Biografie integrieren, ohne dass es ihre Zukunft massgeblich bestimmt.

Das Gespräch führte Hannah Göldi.

Anlaufstellen für Opfer sexualisierter Gewalt und Angehörige

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Auf der Webseite der Opferhilfe Schweiz finden Sie Links zu Beratungsstellen im ganzen Land. Die Angebote richten sich nicht nur an Opfer sexualisierter Gewalt, sondern an Betroffene jeglicher Gewaltformen.

Gut zu wissen: Die Beratungen sind kostenlos, vertraulich und anonym.

Wenn Sie sich um ihr Kind sorgen, finden Sie zudem Beratungs- und Meldestellen auch auf der Webseite von Kinderschutz Schweiz.

Heute Morgen, 25.03.2026, 06:00 Uhr ; 

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