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Unterdrückte Frauen «In Afghanistan gibt es irgendwann keine Ärztinnen mehr»

Seit der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 zeigt sich zunehmend, wie konsequent das Regime seine autoritäre Linie durchsetzt. Besonders Frauen geraten immer mehr unter Druck – ihre Rechte werden systematisch eingeschränkt, ihr Alltag massiv kontrolliert.

Darauf weist die frühere afghanische Frauenministerin und heutige Exilaktivistin Sima Samar hin, die vor einer rasanten Verschlechterung der Lage warnt. Hunde, Kamele und Hühner seien unter den neuen Gesetzen besser geschützt als Afghaninnen, sagte Samar kürzlich im Gespräch mit CH Media.

Diese negative Entwicklung spürt auch Michael Kunz, Präsident der Afghanistanhilfe Schaffhausen. Seit bald 40 Jahren ist sie eine der grössten privaten Hilfsorganisationen im Land und unterstütz Schulen, betreibt Spitäler, Waisenhäuser und liefert Lebensmittel.

Michael Kunz

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Seit 2013 ist er Präsident der Afghanistanhilfe Schaffhausen. Er setzt sich insbesondere für die Finanzierung der Hilfeleistung ein und führt die Kommunikation mit den lokalen Projektpartnern. Nebst der Kontrolle der laufenden Projekte ist ihm insbesondere das Gespräch mit der lokalen Bevölkerung wichtig, um die Hilfeleistungen auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort abzustimmen. Mit seiner Partnerin und seinen beiden Töchtern wohnt er in Schaffhausen.

SRF News: Michael Kunz, die jüngsten Äusserungen über die Lage der Frauen in Afghanistan sind erschütternd. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Berichte hören?

Michael Kunz: Letztlich ist es keine Überraschung. Es ist eine logische Konsequenz aus dem Weltbild der Taliban. Seit der Machtübernahme 2021 gibt es Verschärfungen in verschiedensten Formen.

Die Afghanistanhilfe unterstützt seit 37 Jahren den Aufbau von Schulen, Waisenhäusern und Spitälern und liefert Lebensmittel. Wie gut funktioniert diese Hilfe angesichts der aktuellen Situation noch?

Angesichts der vielen Verschlechterungen immer noch relativ gut. Natürlich gibt es verschiedene Einflüsse, die sich auch negativ auf unsere Projekte auswirken – insbesondere in der Bildung. Mädchen dürfen nur noch bis zur 6. Klasse zur Schule gehen. Viele Folgen dieses Bildungsverbots werden wir aber wohl erst später spüren. Irgendwann gibt es keine ausgebildeten Ärztinnen oder Hebammen mehr. Dann haben wir ein Gesundheitswesen nur für Männer und das wollen wir nicht.

Im Gesundheitswesen dürfen Frauen in Afghanistan nach wie vor arbeiten.

Das ist einer der wenigen Bereiche, in denen sich Frauen engagieren dürfen, aber mit Einschränkungen. So dürfen Frauen beispielsweise nur noch von weiblichem Personal behandelt werden. Auch an Schulen gibt es noch Lehrerinnen. Doch irgendwann werden auch sie fehlen, sodass die Schulen nicht mehr betrieben werden können.

Die Musikinstrumente wurden am ersten Tag zerstört.

Und dann führen wir noch drei Waisenhäuser. Auch dort werden wir eingeschränkt. Wir dürfen zum Beispiel keine kulturellen Aktivitäten mehr anbieten, also kein Theater, kein Sport für Mädchen, keine Kultur. Die Musikinstrumente wurden am ersten Tag zerstört. Wir haben noch gewisse Freiheiten. Doch der jüngste Entscheid der Taliban, die Waisenhäuser unter staatliche Kontrolle zu stellen, stellt die Afghanistanhilfe vor grosse Herausforderungen.

Michael Kunz spricht mit Menschen in Afghanistan.
Legende: Seit 2013 ist Michael Kunz Präsident der Afghanistanhilfe. Er setzt sich insbesondere für die Finanzierung der Hilfeleistung ein und führt die Kommunikation mit den lokalen Projektpartnern. ZVG/Michael Kunz

Kommt die Hilfe dann überhaupt noch am richtigen Ort an?

Ja, die Hilfe kommt an und sie bewegt auch wahnsinnig viel in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf Lebensmittelhilfe angewiesen ist, aber auch im Bereich der Bildung. Uns ist es immer noch lieber, wenn ein Mädchen sechs Jahre in die Schule gehen kann, lesen und schreiben lernt, als dass es überhaupt nicht in die Schule kann.

Das Gespräch führte Roger Steinemann.

Regionaljournal Zürich Schaffhausen 20.02.2026, 17:30 Uhr ; 

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