Schon als Kind schaute Karin Urfer gerne Spinnennetze oder Käfer an. Und ihre Mutter wusste: Wenn es regnet, muss sie länger auf ihre Tochter warten, bis diese aus dem Kindergarten zurückkehrt.
«Ich musste zuerst alle Schnecken über die Strasse tragen», sagt die heute 36-jährige Karin Urfer und lacht.
Ein Flair für kleine Tiere hatte Karin Urfer also schon früh – allerdings nicht für Spinnen. Während der Schulzeit in Bern hatte sie eine Phase, in der sie sich vor den Spinnen gar fürchtete – wie viele andere auch. «Wahrscheinlich, weil es einen Gruppendruck gab.»
Später jedoch, als sie an der Universität Bern Biologie studierte, betrachtete sie die Spinne plötzlich mit anderen Augen. Sie begann sich für die «komplexen Strukturen» der achtbeinigen Tierchen zu interessieren, war fasziniert, wie die Spinne aufgebaut ist. Und sie wusste: «Das ist die Tiergruppe, die ich mega cool finde.» Mit dieser wollte sie arbeiten.
Arachnologin ist kein Beruf
Heute ist Karin Urfer Arachnologin. «Das ist aber kein Beruf», sagt sie. Vielmehr bezeichne sie sich so, weil sie sich mit Spinnen beschäftige. Das tut sie im Naturmuseum St. Gallen, wo sie offiziell als «Kuratorin Wirbellose» arbeitet.
Zwar gebe es einen Verein zur Förderung der Spinnenforschung. Aber eine Spinnenforschung an sich existiere nicht. «Wir Arachnologinnen und Arachnologen fokussieren uns deshalb darauf, festzuhalten, was wo vorkommt in der Schweiz.» Das heisst, sie geht «ins Feld» und sammelt Spinnen.
Meisterin des Netzwerks: Die Madagaskar-Seidenspinne
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Bild 1 von 5. Im Insektenwald des Zoos Zürich kann man eine besondere Spinne von Nahem beobachten: die madagassische Seidenspinne. Bildquelle: Zoo Zürich/Enzo Franchini.
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Bild 2 von 5. Ihre Netze können bis zu zwei Meter gross werden. Wie alle Radnetzspinnen zieht die Madagaskar-Seidenspinne zuerst einen Faden horizontal. Bildquelle: Zoo Zürich/Enzo Franchini.
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Bild 3 von 5. Wenn der erste Faden hält, lässt sie sich in der Mitte fallen und bildet ein Ypsilon. Dann baut sie einen Rahmen darum herum. Das ist ihr Gerüst. Bildquelle: Zoo Zürich/Lea Pfaller.
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Bild 4 von 5. Auf dieser Basis baut die madagassische Seidenspinne die Speichen und die Klebfäden dazwischen. Mit dem Netz fängt sie hauptsächlich ihre Beute. Bildquelle: Zoo Zürich/Lea Pfaller.
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Bild 5 von 5. Die Madagaskar-Seidenspinnen sind standorttreu. Im Insektenwald leben sie in den Baumwipfeln. Bildquelle: SRF/Elisabetta Antonelli.
Im Museum bestimmt sie deren Art. Daraufhin digitalisiert sie ihre Erkenntnisse und stellt diese der Wissenschaft zur Verfügung. «Ich mache Grundlagenforschung.» Hierzulande seien rund tausend Spinnenarten bekannt. «Giftig sind alle, aber ungefährlich für die Menschen», sagt Karin Urfer.
Woher der Ekel kommt
Nebst der Spinne selbst interessiert Karin Urfer auch der menschliche Umgang mit ihr: «Ich finde es auch spannend, wie die Leute reagieren, wenn ich mit ihnen über Spinnen spreche.»
Spinnen sind in der Geschichte unserer Gesellschaft oft negativ dargestellt worden.
Zur Spinnenphobie gibt es zwei Theorien. Die eine geht davon aus, dass sie mit der «Urangst» zu tun hat. Die andere besagt, dass die Spinnenangst gesellschaftlich erlernt ist. Für Karin Urfer ist Letztere plausibler. Denn: «Spinnen sind in der Geschichte unserer Gesellschaft oft negativ dargestellt worden.»
Sie versuche, herauszufinden, was die Menschen genau abstösst. Ob es einfach nur eine Angst sei oder ob es die unkontrollierten Bewegungen der Spinne sind, die gruseln oder ekeln. Wenn sie Interesse spüre, versuche sie im Gespräch, die Faszination für die Tiere aufzuzeigen. «Ich erzähle den Leuten auch, dass Spinnen absolut kein Interesse an Menschen haben. Sie sind einfach koexistent.»
«Fun Facts» auf Lager
Und sie erzähle gerne «Fun Facts». Etwa, wenn sich jemand ekelt, wenn eine Spinne im Lavabo sitzt. «Dann erkläre ich, dass die Spinne Durst hat.» Sie selbst gebe ihr in so einem Fall zu trinken. Erst dann bringe sie diese – vorsichtig – nach draussen.
Es würde mich freuen, wenn die Spinne ein besseres Image hätte.
Karin Urfer versteht sich selber weder als «Spinnen-Anwältin» noch als «Spinnen-Botschafterin». Was sie aber freuen würde: «Wenn die Spinne ein besseres Image hätte.» Schliesslich gebe es keinen Grund für Panik. Und fürs Ökosystem würden Spinnen einen grossen Beitrag leisten.