Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich hat am Mittwoch eine Studie zur Zukunft des Journalismus veröffentlicht. Ziel der Studie war es, die Trends und Entwicklungen im Journalismus für die kommenden zehn Jahre zu identifizieren. Die Autoren der Studie befragten hierfür mehrere Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland.
SRF News: Mark Eisenegger, wenn man Ihre Studie liest, wird einem als Journalist Angst und bange.
Mark Eisenegger: Tatsächlich ist damit zu rechnen, dass der Journalismus in den nächsten Jahren noch stärker unter Druck geraten wird. Die Tech-Unternehmen mit ihren sozialen Medien haben bereits grosse Teile der Werbegelder abgeschöpft. Und durch das Aufkommen der KI-Plattformen wird sich der Druck nochmals massiv erhöhen.
Schon heute verzeichnen wir immer mehr «News-Deprivierte», die sich kaum noch mit dem politischen und gesellschaftlichen Geschehen auseinandersetzen.
Inwiefern?
KI-Chatbots wie «ChatGPT» oder «Perplexity» nutzen für ihre Antworten häufig Informationen, die sie aus journalistischen Quellen zusammentragen. Viele Nutzerinnen und Nutzer geben sich damit zufrieden, ohne dass sie die Quelle überhaupt noch aufsuchen. Auf diese Weise verliert der Journalismus doppelt an Wert. Er ist weniger sichtbar, und die Konsumentinnen und Konsumenten fühlen sich auch weniger an ein bestimmtes Medium gebunden, wodurch beispielsweise Zeitungen weniger Abos verkaufen dürften.
Das klingt dystopisch.
Aus meiner Sicht sind wir tatsächlich an einem kritischen Punkt. Qualitativ guter Journalismus ist für eine Demokratie systemrelevant. Schon heute verzeichnen wir immer mehr «News-Deprivierte», die sich kaum noch mit dem politischen Geschehen auseinandersetzen. Wenn sich weniger Menschen für Politik interessieren, wird das irgendwann gefährlich, weil der demokratische Gemeinsinn verloren geht.
KI-Anbieter sollen die Verlage entschädigen, wenn sie deren journalistische Angebote nutzen.
Wie könnte man diesem Trend entgegentreten?
Positiv werte ich, dass Politiker aus allen Lagern diese disruptive Entwicklung erkannt haben – und die meisten sie auch bekämpfen wollen. Die grosse Frage ist nun aber: Wie? Und hier gehen die Meinungen auseinander. Für mich scheint klar, dass man beim Leistungsschutzrecht und beim Urheberrecht ansetzen muss. KI-Anbieter sollen die Verlage entschädigen, wenn sie deren journalistische Angebote nutzen. Das ist das, was kurzfristig am ehesten erreichbar scheint.
Viele Menschen haben Netflix, einen Sportkanal abonniert oder sind bei Spotify. Warum sind die Leute dort bereit, für eine Leistung zu zahlen, für klassischen Journalismus aber nicht?
Das ist ein grundlegendes Problem, das wir in den nächsten Jahren weiter untersuchen müssen. Eigentlich geht die Mediennutzung ja durch die Decke, die Menschen verbringen viele Stunden pro Tag auf digitalen Plattformen. Wir kennen das ja alle, dass wir manchmal kurz vor dem Einschlafen immer noch am Handy sind. Wahrscheinlich ist, dass wir hier einen Verdrängungseffekt haben. Das neuste Video zur Unterhaltung ist spannender als eine Nachrichtensendung.
Wie könnten Nachrichten denn spannender sein?
Die Verlage müssen sich sicherlich überlegen, wie sie künftig junge Menschen ansprechen wollen. Welche Themen interessieren sie, in welchen Räumen bewegen sie sich? Relevant sind zum Beispiel identitätsstiftende Inhalte, die Gemeinschaft erzeugen und mobilisieren, etwa Berichte zu sozialen Bewegungen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass in den Schulen Medienkompetenz gefördert wird. Es gibt spannende Experimente, beispielsweise in den Kantonen Genf und Freiburg, wo der Staat Jugendlichen für einen gewissen Zeitraum ein Zeitungsabonnement bezahlt.