Die Suva verwaltet über 60 Milliarden Franken und ist eine der grössten Investorinnen der Schweiz. Der scheidende Finanzchef Hubert Niggli spricht im Interview über Monopole, Immobilien und Netto-Null.
SRF News: Hubert Niggli, die Suva präsentiert gute Zahlen. Vor über 30 Jahren sah das ganz anders aus.
Ende der 1980er-Jahre, Anfang der 1990er-Jahre war die Suva faktisch insolvent. Da der Bund keine finanzielle Verpflichtung hat, musste die Sanierung über das Geld der Versicherten erfolgen: 1994 wurden die Prämien um 20 bis 25 Prozent erhöht. Das war eine schwere Belastung, die wir in Zukunft unbedingt vermeiden wollen.
Die Suva verwaltet rund 60 Milliarden Franken. Die Überschüsse wecken Begehrlichkeiten. Könnte man damit nicht die Lücken bei IV oder AHV decken?
Es ist politisch normal, dass Begehrlichkeiten aufkommen. Aber das Suva-Vermögen wurde von den Suva-Versicherten einbezahlt und gehört ihnen. Unsere Gründerväter haben schon vor über 100 Jahren geahnt, dass jemand in die Kasse greifen könnte. Deshalb ist das Suva-Vermögen gesetzlich komplett vom Bundesvermögen getrennt. Eine Zweckentfremdung wäre eine Enteignung der Versicherten und würde gegen Gesetz und Verfassung verstossen.
Bei Bürojobs würde sich Prävention kaum lohnen, auf einer Baustelle ist sie aber superwichtig.
Die Suva wird immer wieder für ihr Teilmonopol kritisiert. Ist das Modell noch zeitgemäss?
Seit der Gründung gibt es alle 10 bis 15 Jahre politische Vorstösse, das Monopol abzuschaffen. Doch bisher kam das Parlament immer zum Schluss, dass es Sinn ergibt. Prävention, Versicherung und Rehabilitation unter einem Dach zu haben, ist ein Vorteil. Es stellt sicher, dass sich auch Hochrisikobranchen zu vernünftigen Preisen versichern können. Unsere Struktur bringt den Versicherten einen finanziellen Vorteil von fast einer Milliarde Franken pro Jahr gegenüber einer rein privatwirtschaftlichen Lösung.
Warum braucht es das Monopol nur für den Industriesektor, bei den anderen Branchen funktionieren privatwirtschaftliche Lösungen?
Die Unfallrisiken sind um Grössenordnungen unterschiedlich. Bei einem Bauarbeiter können die Kosten für Berufsunfälle 3 bis 8 Prozent des Lohnes ausmachen, bei einem Büroangestellten vielleicht 0.1 Prozent. Bei Bürojobs würde sich Prävention kaum lohnen, auf einer Baustelle ist sie aber superwichtig. Das sind zwei komplett verschiedene Welten.
Wir investieren breit in Wohnimmobilien, aber nicht in Luxusobjekte, und bieten viele preisgünstige Wohnungen an.
Für eine der grössten Investorinnen der Schweiz sind auch Immobilien wichtig. Engagiert sich die Suva auch für bezahlbare Wohnungen?
Wir investieren breit in Wohnimmobilien, aber nicht in Luxusobjekte, und bieten viele preisgünstige Wohnungen an. Wir würden gerne mehr in den preisgünstigen Wohnungsbau investieren, aber es gibt schlicht zu wenige Projekte auf dem Markt. Denn die Bewilligungsprozesse sind extrem langsam. Wir haben Projekte, bei denen die Entwicklung 15 Jahre gedauert hat. Diese langen Prozesse und die Baulandknappheit verteuern das Bauen.
Der Suva-Rat hat ein Netto-Null-Ziel bis 2050 beschlossen. Gleichzeitig halten Sie noch Anlagen in Firmen wie ExxonMobil oder Gazprom.
Das Netto-Null-Ziel gilt, und wir sind auf Kurs. Der Umbau ist aber ein langfristiger Prozess. Die Gazprom-Anlagen sind seit dem Ukraine-Krieg nicht mehr handelbar, wir halten also noch Restbestände. Andere Investitionen in Energiefirmen werden nach und nach durch nachhaltige Alternativen wie Green Bonds ersetzt, sobald gleich gute Anlagen verfügbar sind. Bisher funktioniert es, weil es genügend passende Anlagemöglichkeiten gab. Wir hoffen, dass das langfristig so bleibt.
Das Gespräch führte Karoline Arn.