Die Schweizer Tech-Industrie blickt mit Sorge auf die internationalen Handelskonflikte. Swissmem-Präsident Martin Hirzel über den Boom dank künstlicher Intelligenz, unsichere US-Zölle und die existenzielle Bedrohung durch die EU.
SRF News: Die Schweizer Tech-Industrie ist zu Jahresbeginn leicht gewachsen. Erleben wir eine nachhaltige Erholung?
Martin Hirzel: Wir sehen ein sehr gemischtes Bild. Es gibt Branchen, denen es sehr gut geht. Das betrifft vor allem die Elektrotechnik. Dieser Boom ist direkt auf die grossen Investitionen in die künstliche Intelligenz zurückzuführen. Weltweit werden Datenzentren gebaut, und unsere Firmen sind als Zulieferer für Stromversorgung, Schalttechnik oder Notstromlösungen stark gefragt. Davon profitieren vor allem die Grossfirmen.
Die US-Zölle von 10 Prozent, mit denen die Industrie leben konnte, laufen im Sommer aus. Was kommt danach?
Die Lösung kennen wir heute noch nicht. Wichtig ist, dass wir auf keinen Fall schlechter fahren als die EU, unser Hauptkonkurrent. Das muss erreichbar sein. Aus Bern höre ich aber ehrlich gesagt nicht viel darüber, wo man in den Verhandlungen aktuell steht. Es scheint herausfordernd zu sein.
Ein US-Gericht hat frühere, höhere Zölle für rechtswidrig erklärt. Schweizer Firmen können deshalb zu viel bezahlte Beträge zurückfordern. Funktioniert das in der Praxis?
Ja, es funktioniert, die USA sind immer noch ein Rechtsstaat. Ich kenne konkrete KMU, die ihre Ansprüche über die offizielle Onlineplattform angemeldet haben. Es ist zwar aufwendig, aber das erste Geld ist geflossen. Von einem konkreten Beispiel weiss ich, dass 20 Prozent der Forderungen bereits ausbezahlt wurden. Ich würde jedem Unternehmen raten, diesen Schritt zu tun.
Kein Kunde ist bereit, 50 Prozent mehr für Schweizer Stahl zu zahlen.
Auch die EU setzt auf Abschottung. Sie will die Zölle auf Stahlimporte von 25 auf 50 Prozent verdoppeln. Wie hart trifft das die Schweiz?
Das ist hoch frustrierend. Das ist nicht das, was man vom engsten Partner und Nachbarn EU erwartet. Sobald die zollfreien Kontingente ausgeschöpft sind, muss ein Kunde 50 Prozent Strafzoll zahlen. Ich behaupte: Dann wird der Markt für unsere beiden Stahlwerke tot sein. Kein Kunde ist bereit, 50 Prozent mehr für Schweizer Stahl zu zahlen. Das Geschäft mit der Europäischen Union wird auf ein Minimum zusammenschrumpfen.
Zulieferteile kommen zu spät, zu teuer oder sogar defekt an.
Neben den Handelsstreitigkeiten eskaliert der Konflikt im Nahen Osten. Welche Folgen hat das für die Schweizer Industrie?
Zuerst einmal sorgt es für grosse Verunsicherung. Die Auswirkungen sind bereits konkret spürbar. Eine Umfrage im April hat gezeigt, dass ein Viertel unserer Mitgliedsfirmen Probleme in der Lieferkette hat. Das heisst, Zulieferteile kommen zu spät, zu teuer oder sogar defekt an. Das sind nicht die ganz grossen Probleme, aber es stört uns. Dazu kommt die grosse Angst vor steigenden Energiekosten, auch wenn wir den Preisschock dank langfristiger Verträge aktuell noch nicht spüren.
Das Gespräch führte David Karasek.