Über Jahrhunderte hinweg prägte die Seidenbandindustrie das Baselbiet – wirtschaftlich, sozial und architektonisch. Das heute fast vergessene Handwerk bildete bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Lebensgrundlage für viele Familien.
«Die Seidenbandweberei war während vieler Jahrhunderte ein sehr wichtiger Erwerbszweig in der Region Basel», sagt Simon Ochsner. Er ist Projektleiter der Ausstellung «Seidenband jetzt!» im Museum Baselland, das die Geschichte nun aufrollt.
Denn: Spätestens mit der Schliessung der letzten Bandfabrik im Kanton, der Firma Senn & Co. AG in Ziefen im Jahr 2001, sei klar geworden: Das Wissen rund um die sogenannte Heimposamenterei, also die Herstellung von Seidenbändern in der eigenen Stube, droht zu verschwinden.
Der Webstuhl musste laufen – egal, ob Mann oder Frau davor sass.
Dabei war die Bedeutung der Seidenbandindustrie im damals ländlich geprägten Kanton enorm. Mitte des 19. Jahrhunderts ratterten im heutigen Baselbiet rund 4500 Webstühle. Für viele Familien war das Weben lebensnotwendig.
«Man hatte vielleicht ein kleines Stück Land, eine Kuh – und einige Kinder zu ernähren», erklärt Ochsner. Das allein reichte nicht. Deshalb wurde im Akkord am Webstuhl gearbeitet: «Bezahlt wurde nach Metern. Der Webstuhl musste laufen – egal, ob Mann oder Frau davor sass.»
Wie präsent dieses Handwerk noch bis in die Nachkriegszeit war, zeigt die Erinnerung einer Zeitzeugin aus dem Oberbaselbiet. «In den 1950er‑Jahren hatte es in unserem Dorf noch viele Webstühle», erzählt sie.
«Unsere Nachbarin hatte einen – und wir Kinder gingen gerne zu ihr.» Fasziniert hätten sie vor allem die farbigen Bänder. Helfen durften sie auch: beim Spulen oder Überwachen der Maschine. «Geld gab es keines. Vielleicht ein Stück Schokolade.»
Der Alltag der Posamenterinnen und Posamenter sei hart gewesen. «Die Leute standen oft schon frühmorgens am Webstuhl», erzählt die Zeitzeugin. «Mittags wurde schnell etwas gegessen – manchmal gar nichts gekocht – und dann ging es weiter bis abends.» Mit den Weltkriegen, veränderten Modevorstellungen und wachsender internationaler Konkurrenz verschwand die Industrie schrittweise.
Vom Baselbiet aus in die ganze Welt
Die aktuelle Ausstellung im Museum Baselland zeigt diese Geschichte anschaulich – mit historischen Webstühlen, Objekten und Mustern. Sie macht auch deutlich, wie global vernetzt das Gewerbe war: Die Rohseide kam aus Italien, Frankreich oder Asien, die fertigen Bänder wurden von Basel aus bis nach Europa, Amerika oder Indien gehandelt.
Eng verbunden damit ist auch der Aufstieg der Basler Chemie‑ und Pharmaindustrie, die entscheidend zum Wohlstand der Stadt Basel beitrug: «Die Farben für die Seide wurden hier entwickelt – daraus sind später die Färbereien und die chemische Industrie entstanden», sagt Ochsner. Später wurden aus den lokalen Chemieunternehmen weltweite Pharmakonzerne wie Roche oder Novartis.
«Seidenband jetzt!» – Geschichte für die Nachwelt erhalten
Die Ausstellung in Liestal ist aber nur ein Teil der Aufarbeitung der Geschichte um die Seidenbandindustrie im Baselbiet. Der Kanton will das Wissen der breiten Bevölkerung zugänglich machen.
Mit dem Projekt «Seidenband jetzt!» sollen in verschiedenen Ortsmuseen Geschichten aus der Vergangenheit erzählt werden. «Es ist ein einzigartiges Kulturerbe vor unserer Haustür», sagt Ochsner. Eines, das zum Teil bis heute greifbar ist – in Häusern, ehemaligen Fabriken und auch noch in Erinnerungen.