Auch in der Schweiz ist die Ungleichheit bei den Vermögen laut einer aktuellen Studie hoch – und nimmt weiter zu.
«Unsere Studie bestätigt: Die Vermögensungleichheit ist in der Schweiz grösser als in anderen Ländern», sagt Isabel Z. Martínez, Leiterin der Forschungsabteilung Ungleichheit an der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich und Co-Autorin der Studie. «Die reichsten 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung besitzen etwa 45 Prozent des steuerbaren Vermögens.»
Unterschiedliche Bewertung
Volkswirtschaftsprofessor Reto Föllmi von der Universität St. Gallen interpretiert die Daten weniger dramatisch: «Im internationalen Vergleich steht die Schweiz punkto Gleichheit weiterhin gut da.»
Zwar seien die Vermögen in der Schweiz in den vergangenen 25 Jahren stärker gestiegen als die Einkommen, jedoch nicht aufgrund höherer Erträge – Zinsen und Dividenden seien niedrig. «Vielmehr sind die Vermögen gestiegen, weil sie aufgrund der tiefen Zinsen höher bewertet werden – sie sind also aufgebläht.»
Von diesen hohen Bewertungen – etwa bei Immobilien und Aktien – profitierten alle Vermögen, kleine wie grosse. «Die Schere ist in der Schweiz nicht allgemein auseinandergegangen», schlussfolgert Föllmi.
Co-Autor der Studie, Marius Brülhart, sieht es nuanciert: «Renditen korrelieren in der Regel positiv mit der Grösse der Vermögen.» Wer über ein grösseres Vermögen verfüge, halte häufig einen Teil davon in Aktien; wer nur wenig angespart habe, lasse das Geld oft auf einem zinsarmen Bankkonto liegen.
Entsprechend profitieren laut Brülhart nicht alle gleich vom Marktboom. «Der Kuchen wächst zwar für alle, aber einzelne Gruppen bekommen ein immer grösseres Stück davon», so der Wirtschaftsprofessor der Uni Lausanne.
Pensionskassenvermögen wirkt ausgleichend
In einem Punkt stimmt Föllmi mit den Studienautorinnen und -autoren überein: «Die Ungleichheit bei den Spitzenvermögen hat zugenommen.» Dank den Pensionskassenvermögen habe der Mittelstand aber nicht an Vermögen verloren, wie in anderen Ländern.
Ein Grossteil der Erwerbstätigen hat in der Schweiz Pensionskassenguthaben angespart – Vermögen, das ebenfalls vom Marktboom profitiert hat. Die Kehrseite der Vermögensaufblähung ist laut Föllmi aber tatsächlich, dass die Schweizer Immobilienpreise den Zugang zu Wohneigentum für Familien ohne Aussicht auf Erbvorbezüge stetig schwerer machen.
«Reich»: Hoher Lohn oder grosses Vermögen?
Die internationale Wahrnehmung, die Schweiz sei ein Land mit geringer Ungleichheit, muss man differenzieren: «Für die Vermögen hat das nie gestimmt», so Martínez. Zwar liege die Schweiz bei der Einkommensverteilung im internationalen Mittelfeld, doch bei der Vermögensverteilung sehe es anders aus. «Die Leute vermischen ständig Einkommen und Vermögen», ärgert sie sich.
Gerade die Löhne sind laut Föllmi wichtig für das Gesamtbild. «Im Vergleich zu Frankreich sind in der Schweiz mehr Menschen in den Arbeitsmarkt integriert, wir kennen die Berufslehre, deren Absolventinnen und Absolventen anständig verdienen.» Die Schweiz habe schlicht weniger Tieflohnjobs als etwa die USA.
Ein Beispiel aus Föllmis Erfahrung: Expats schimpften häufig über die hohen Kosten einer Reinigungskraft – in ihrer Heimat sei das viel günstiger. «Aber genau das macht die Schweiz aus: Die Putzkraft bekommt einen soliden Lohn – das kostet dann halt auch.»