Direkt am Fluss, umgeben von grünen Wiesen und derzeit noch in Nachbarschaft zu einer grossen Baustelle, steht das erste deutsche ETH-Gebäude.
Wer hier einst forschen wird, wird Ausblick auf schwäbische Weinbaugebiete haben und auf eine mittelgrosse Stadt, die bisher nicht als Universitätsstandort bekannt war. Ihr wohl berühmtester Einwohner, Lidl-Gründer Dieter Schwarz, will das ändern.
Mit dem Anlocken der ETH Zürich hat der Heilbronner Bildungscampus einen Coup gelandet. Neben der Technischen Universität München (TU), die schon länger vor Ort ist, soll sie Spitzenforschung in die Gegend nördlich von Stuttgart bringen.
-
Bild 1 von 5. Der Heilbronner Bildungscampus ist 2011 eröffnet worden. Bildquelle: SRF.
-
Bild 2 von 5. Die Institutionen reichen von Schulen bis zu Forschungsinstituten und renommierten Universitäten. Bildquelle: SRF.
-
Bild 3 von 5. Einblick in die Bibliothek. Bildquelle: SRF.
-
Bild 4 von 5. Bereits 8000 Studierende sollen nach Angaben der Dieter-Schwarz-Stiftung hier sein. Bildquelle: SRF.
-
Bild 5 von 5. In den oberen Etagen dieses Gebäudes am Fluss Neckar ist die ETH untergebracht. 2030 soll sie in der Nachbarschaft eigene Gebäude erhalten. Bildquelle: SRF.
Zwar ist der ETH-Campus in Heilbronn noch lange nicht in Betrieb: Die Studenten und Studentinnen – bis zu 800 sollen es werden – werden frühestens im Herbst 2027 ihr Studium aufnehmen. Das hält die ETH Zürich nicht davon ab, mit Politprominenz von höchster Stelle die Eröffnung zu feiern.
Angereist sind unter anderem Bundesrat Albert Rösti und die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Von einer gemeinsamen Vision und von exzellenter Grundlagenforschung ist die Rede während der Zeremonie. Auch ein virtueller Albert Einstein durchschneidet ein rotes Band zur Eröffnung.
Lidl-Gründer übernimmt die Finanzierung
Hinter dem neuen Campus stecken grosse Hoffnungen – und viel Geld. Die Stiftung des Lidl-Gründers Dieter Schwarz übernimmt die Finanzierung vollständig. Konkret heisst das: 20 Professuren (davon 15 in Heilbronn und 5 in Zürich) für 30 Jahre.
Privat finanzierte Professuren sind an Universitäten keine Seltenheit (siehe Box). Es geht mit schätzungsweise 600 Millionen Franken – die Stiftung nennt keine Zahlen – aber um die mit Abstand grösste private Spende, die die ETH je erhalten hat.
Frage an ETH-Präsident Joël Mesot: Warum haben Sie die Spende angenommen? Er antwortet: Die aktuellen Zeiten hätten zu einer Dringlichkeit in der Forschung geführt. «Wir müssen wirklich noch schneller für die Gesellschaft Ergebnisse liefern, wir müssen andere Wege probieren, und deshalb sind wir so interessiert an dieser Kollaboration.»
Förderung durch die ETH Zürich Foundation
Zweifel habe es keine gegeben, sich auf das private Geld einzulassen. «Wir schauen sehr genau, dass die Autonomie der Forschung und die Publikationsfreiheit gegeben sind. Einzig das Thema KI und Cybersicherheit ist vorgegeben.»
Hochschulautonomie ist für uns ein sehr, sehr hohes Gut.
Die Dieter-Schwarz-Stiftung weist ebenfalls jegliche Einmischung von sich. Geschäftsführer Reinhold R. Geilsdörfer sagt beim Interview in Heilbronn: «Das Thema Hochschulautonomie ist für uns ein sehr, sehr hohes Gut, das wir achten und das auch für uns wichtig ist.»
Man gebe mit der Finanzierung die Gestaltung und die Macht aus der Hand. Als Beleg stellt die ETH SRF einen Absatz aus dem ansonsten streng vertraulichen Vertrag zur Verfügung.
-
Bild 1 von 2. Die Vertragsparteien gewähren keine Einsicht in die Details der Vereinbarung. Allerdings …. Bildquelle: ETH.
-
Bild 2 von 2. … stellen sie auf Anfrage von SRF diesen Passus zur Verfügung: Die Freiheit der Forschung ist darin festgehalten. Bildquelle: ETH.
Die für Heilbronn bestimmten Inhalte sind Themenfelder, an denen die ETH in der Schweiz ebenfalls forscht. In Heilbronn aber solle laut Joel Mesot interdisziplinär geforscht werden – die traditionellen Departemente wie Informatik, Materialwissenschaft oder Mathematik, die man vom Stammhaus in Zürich kennt, werde man dort nicht vorfinden.
Ob der neue Ansatz und das Umfeld genügen, dass sich Spitzenforscher und ‑forscherinnen für die schwäbische Provinz statt für den Traditionsstandort Zürich entscheiden werden, muss sich zeigen. Erst Ende Juni hat die ETH die ersten Professuren ausgeschrieben.