Worum geht es? Die USA haben ein Exportverbot für die leistungsstärksten KI-Modelle des US-Unternehmens Anthropic verhängt. Ausländische Nutzerinnen und Nutzer dürfen laut US-Regierung keinen Zugang mehr zu diesen Modellen haben. Anthropic hat daraufhin die betroffenen Modelle weltweit abgeschaltet, auch in den USA selbst. Anthropic ist bekannt für seinen Chatroboter Claude, der ChatGPT Konkurrenz macht. Der Schritt zeigt, dass die US-Unternehmen keine verlässlichen Geschäftspartner sind – die US-Regierung könnte jederzeit den Stecker bei strategisch wichtiger KI-Technologie ziehen.
Was macht Anthropics KI so besonders? Die KI von Anthropic hilft beim Programmieren und ist unterdessen so gut, dass sie von Hackern missbraucht werden kann. Für Schlagzeilen sorgte insbesondere «Mythos», eine Version der Anthropic-KI, die es Hackern ermöglichen soll, automatisiert nach Schwachstellen in einem Unternehmensnetzwerk zu suchen. Anthropic hatte letzte Woche eine abgespeckte Version von Mythos veröffentlicht mit dem Namen Fable 5. Laut Anthropic soll Fable 5 im Vergleich zu Mythos nicht in der Lage sein, Cyberschwachstellen auszunutzen. Die US-Regierung sieht das nun anders. Das Exportverbot betrifft beide Versionen, Mythos und Fable 5.
Warum sind die USA gegen Anthropic vorgegangen? Die US-Regierung spricht offiziell von einem Risiko für die nationale Sicherheit. Der tatsächliche Grund ist aber weiterhin unklar. Denn die KI von Anthropic gilt zwar als eine der besten, aber OpenAI und Google sind fast gleichauf. Diese Unternehmen sind jedoch nicht von Exportbeschränkungen betroffen. Es ist nicht das erste Mal, dass die US-Regierung und Anthropic streiten. Anthropic weigerte sich, mit dem US-Militär zusammenzuarbeiten, etwa bei der KI-gestützten Erfassung militärischer Ziele. Das Exportverbot könnte eine Reaktion darauf sein.
Was bedeutet das für die Schweiz und Europa? Kurzfristig ändert sich nicht viel, Anthropic hat seine KI kurzerhand auch für die USA gesperrt. Trotzdem zeigt dieses Beispiel, dass die USA bereit sind, den Zugang zu KI-Technologie aus strategischen Überlegungen einzuschränken. Die Schweiz und Europa sind von US-amerikanischer Technologie abhängig, sagt Myriam Dunn Cavelty, Spezialistin für Cybersicherheit und Sicherheitspolitik am Center for Security Studies der ETH Zürich. «Wir haben in Europa und der Schweiz keine wirklichen Alternativen zur KI aus den USA – in Frankreich gibt es zwar Mistral und in der Schweiz Apertus, die sind aber nicht auf dem gleichen Niveau wie die KI von Anthropic oder OpenAI.»
Warum sind die Chefs der US-Tech-Konzerne nervös? Sie fürchten um ihr Geschäft, denn sie investieren hunderte Milliarden Dollar in den Ausbau von Rechenzentren und sind darauf angewiesen, ihre Dienstleistungen auch im Ausland anzubieten. Die Europäische Kommission hat aber bereits Initiativen und Investitionen angekündigt, um die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Darum sind heute die Chefs von OpenAI, Anthropic und Googles KI-Sparte an den G7-Gipfel in Frankreich gereist. Die US-Tech-Konzerne wollen den Schaden, den die US-Regierung angerichtet hat, eingrenzen und die Wogen glätten. Diskutiert wird unter anderem eine sogenannte «Trusted Partnership»: Länder, die ein besonders vertrauensvolles Verhältnis mit den USA haben, sollen Zugang zur KI aus den USA erhalten.