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Familienpolitik Mehr Elternzeit kann schlecht für die Karriere sein

Viele Eltern wünschen sich längeren Urlaub nach der Geburt ihres Nachwuchses. Das sei kontraproduktiv, so das Fazit einer neuen Studie. Die Studienautoren finden: weniger ist mehr.

Was die Studie untersucht hat: Das Institut für Wirtschaftspolitik IWP der Universität Luzern hat analysiert, wie wirksam subventionierte Kita-Plätze, längerer Vater- bzw. Mutterschaftsurlaub, höhere Familienzulagen und Steuerabzüge sind. Das wirtschaftsnahe IWP wollte damit eine wissenschaftliche Perspektive in die oft emotionale Diskussion einbringen.

Wir mussten genau rechnen, ob es sich lohnt, dass meine Frau arbeiten geht.
Autor: Markus Hoffmann Vater eines zweijährigen Sohnes

Was sich Familien wünschen: Die Bedürfnisse sind individuell. Markus Hoffmann, Vater eines zweijährigen Sohnes aus Luzern, sagt etwa: «Wir mussten genau rechnen, ob es sich lohnt, dass meine Frau arbeiten geht.» Nach Abzug der Kita-Kosten bleibe nicht mehr viel übrig. Cécile Stirnimann, Mutter von zwei Mädchen, hätte sich nach der Geburt mehr Familienzeit gewünscht: «Das würde mehr Flexibilität bringen, damit sich beide die Zeit besser einteilen und länger zu Hause bleiben können.»

Was längerer Mutter- und Vaterschaftsurlaub laut Studie bringt: «Bezahlte Auszeiten fördern die Berufstätigkeit der Mütter. Sie erlauben es, wieder in den Beruf zurückzukehren», sagt Studienautorin Melanie Häner. Dauerten Unterbrechungen aber zu lange, erschwere das den beruflichen Wiedereinstieg und wirke sich negativ auf die Beschäftigung aus. «Das kann negative Folgen für die Einkommenssituation haben», so Häner. Längere Elternzeit bringe nicht nur wenig, sie koste auch viel. Die Verlängerung des Mutterschaftsurlaubs auf 18 Wochen, wie sie die Familienzeitinitiative fordert, hätte 2023 Mehrkosten von rund 258 Millionen Franken verursacht. Den Vaterschaftsurlaub von zwei auf 18 Wochen zu erhöhen, hätte Mehrkosten von 1.25 Milliarden Franken zur Folge.

Es sollten vor allem einkommensschwache Familien Kita-Förderung erhalten statt einfach pauschal alle.
Autor: Melanie Häner Leiterin Sozialpolitik IWP

Was Kita-Subventionen laut Studie bringen: Auch günstigere Kita-Plätze erhöhen die Berufstätigkeit von Müttern, so die Studie. Vor allem Kinder aus benachteiligten Familien könnten von Kita-Betreuung besonders profitieren – etwa sprachlich. Diese würde die Chancengleichheit erhöhen. Doch bisher seien solche Kinder in Kitas untervertreten. «Deshalb sollten vor allem einkommensschwache Familien Kita-Förderung erhalten statt einfach pauschal alle Familien», so Häner.

Schweizer Familienpolitik im internationalen Vergleich

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Kind mit gelber Jacke auf Schaukel.
Legende: Die Schweiz gibt vergleichsweise wenig Geld für Familienförderung aus. Keystone / GAETAN BALLY

Mütter haben in der Schweiz Anspruch auf einen 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub, den Vätern stehen zwei Wochen zur Verfügung. EU-Staaten gewähren Müttern im Schnitt rund 66 Wochen, der OECD-Durchschnitt liegt bei rund 52 Wochen (OECD 2023). Ganz generell gibt die Schweiz im Vergleich mit ein bis zwei Prozent der öffentlichen Ausgaben weniger für Familienförderung aus als andere Länder. Für die Studienautorin Häner ist das kein schlechtes Zeichen: «Ein geringerer Mitteleinsatz kann ebenso auf effizientere Strukturen, einen geringeren Bedarf oder eine stärkere private Finanzierung hindeuten.»

Für den Dachverband der Familienorganisationen hat die Schweiz hingegen Nachholbedarf: «Man macht dann etwas, wenn es nicht mehr anders geht. Andere Länder, vor allem nordische, haben hingegen früh und stark versucht, Familien zu fördern. Dort ist eine Elternzeit selbstverständlich.»

Was Zulagen und Steuerabzüge laut Studien bringen: «Familienzulagen sind für einkommensschwächere Familien zentral, sie können Armut mindern oder vorbeugen», erklärt Häner. «Für Gutverdienende setzten zu hohe Familienzulagen aber negative Anreize, wieder arbeiten zu gehen.» Für Besserverdienende sind Steuerabzüge etwa für Kita-Kosten das bessere Mittel, so Häner. Alles in allem plädiert die Studienautorin für das Prinzip: weniger ist mehr. «Es bringt am meisten, wenn man bestimmte Familien fördert und nicht einfach nach dem Giesskannenprinzip vorgeht.»


Wie es Familien in der Schweiz geht: «An den Sparmöglichkeiten und auch an der Armutsquote sieht man, dass Schweizer Familien verhältnismässig gut dastehen», sagt Studienautorin Häner. Etwa sechs Prozent der Haushalte mit Kindern seien in der Schweiz armutsbetroffen. In der EU sei die Armutsquote doppelt so hoch. Philipp Frei von der Budgetberatung Schweiz berät immer mehr Familien mit Finanzengpässen. «Die Realität ist, dass es für Familien mit wenig Einkommen nicht reicht.» Familien bräuchten mehr Entlastung, vor allem einkommensschwächere.

10vor10, 23.2.2026, 21.50 Uhr;brus

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