Joe Glauber beobachtet die weltweiten Getreidemärkte seit Jahrzehnten. Nicht zuletzt wegen der Zollpolitik der US-Regierung herrsche an diesen Märkten grosse Unsicherheit, stellt der Forscher und ehemalige Chefökonom des US-Landwirtschaftsministeriums fest. Aber er bestätigt auch: Die Preise für Getreide sind in den letzten fünf Jahren gesunken. Es habe weltweit gute Ernten gegeben.
Für Länder wie China, Indonesien oder Ägypten, die viel Getreide importieren, sind tiefe Preise attraktiv. Allerdings bedeute das nicht zwingend auch tiefere Preise im Laden, sagt Joe Glauber, insbesondere nicht in ärmeren Ländern des globalen Südens.
Inflation verteuert die Nahrung
Ein grosser Importeur ist zum Beispiel Nigeria. In Ländern wie Nigeria seien die Verarbeitungs- und Energiekosten sehr hoch, und das verteuere auch die Produkte. «Viele Länder der Subsahara kämpfen nach wie vor mit hohen Inflationsraten. Und da in diesen Ländern der Grossteil des Einkommens für Lebensmittel ausgegeben wird, ist das ein Problem», sagt Glauber.
Durch den Krieg hat die Ukraine ihre Exporte reduzieren müssen, dieses Vakuum versucht Russland nun zu füllen.
Viele Länder seien auf Getreideimporte und damit auf den Welthandel angewiesen, nicht zuletzt, um den Bedarf für eine wachsende Bevölkerung zu stillen, wie Ägypten. Diese Märkte seien in den letzten Jahren aber zum Spielball der Geopolitik geworden, sagt der Agrarmarktexperte. So versuche Russland derzeit, möglichst viel Getreide aus der Schwarzmeerregion an afrikanische Staaten zu liefern.
«Die Ukraine ist in diesen Ländern eine wichtige Lieferantin gewesen. Durch den Krieg hat die Ukraine ihre Exporte reduzieren müssen, dieses Vakuum versucht Russland nun zu füllen, in Ägypten, generell in der arabischsprachigen Welt», sagt der Experte. Das heisst: Russland will in diesen Ländern ökonomisch, aber auch politisch seinen Einfluss vergrössern.
KI könnte helfen
Der Weltmarkt für Getreide sei zwar volatil, aber es gebe viele offene Fragen. Bisher habe er mit den Folgen der Handelskonflikte und Kriege einigermassen gut umgehen können.
Es beunruhigt mich zu sehen, dass das weltweite Handelssystem schrumpft und dass im Gegenzug regionale Abkommen an Bedeutung gewinnen.
Trotzdem macht Glauber etwas Sorgen: «Es beunruhigt mich zu sehen, dass das weltweite Handelssystem schrumpft und dass im Gegenzug regionale Abkommen an Bedeutung gewinnen.» Der Blick in die Geschichte zeige, dass das keine gute Entwicklung sei und Basis für Konflikte oder gar Kriege. Und ärmere Länder würden da in der Regel zu den Verlierern gehören.
Ein Lösungsansatz für solche Länder, um sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, ist Information, genauere und aktuelle Angaben und Einordnungen zum Beispiel zu Ernten oder Marktentwicklungen, um die Einkäufe besser planen zu können.
Applikationen mit künstlicher Intelligenz könnten solche Informationen breiter verfügbar machen, hofft Glauber. Wichtig sei aber, dass diese Informationen dann breit gestreut würden und gut erhältlich seien. Um so Länder mit wenig Marktmacht, aber grosser Nachfrage nach Getreide, weniger abhängig von grossen Konzernen oder Produktionsländern zu machen.