Grosskonzerne foutieren sich um Lehrlingsausbildung

Jede Schreinerei hat Lehrlinge, während Google keine beschäftigt: Vier Fünftel der Lehrstellen werden in der Schweiz von kleinen und mittleren Unternehmen angeboten. Dieses Missverhältnis stört Gewerbeverband und Bildungsexperten. Dabei bietet die Masseneinwanderungsinitiative eine mögliche Lösung.

Männliche Teenager arbeiten an mehreren Computern in einem Schulraum Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Besonders die ICT-Branche steht in der Kritik. Diese erklärt sich: Die Nachfrage sei schlicht nicht zu bewältigen. Keystone

Kleine und mittelgrosse Unternehmen bieten mehr als 80 Prozent aller Lehrstellen an. Grosse, internationale Konzerne dagegen engagieren sich nur wenig. «Es ist nicht nachvollziehbar, dass grosse internationale Konzerne darauf verzichten, Lehrstellen anzubieten», ärgert sich Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbands.

Ausländische Konzerne stehlen sich aus Verantwortung

Das sei ein Problem, sagt auch der Ökonom Rudolf Strahm, ein Kenner und Verfechter des Schweizer Berufsbildungssystems. «Die grossen Firmen in der Schweiz – vor allem auch ausländische Konzerne – nehmen ihre Verantwortung in Bezug auf das Bildungssystem nicht wahr.» Sie würden von der einfachen Rekrutierung von Arbeitskräften und vom guten Bildungswesen profitieren, böten aber selber keine Ausbildungsplätze an. Strahm führt das darauf zurück, dass die Personalverantwortlichen vieler Unternehmen zu wenig mit der hiesigen Berufsbildung vertraut seien. Er kritisiert insbesondere Rohstoff- und IT-Konzerne.

Zu Unrecht, entgegnet Jörg Aebischer, Geschäftsführer des Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz. Der noch junge Verband hat sich zum Ziel gesetzt, den Nachwuchs in der Informations- und Kommunikationstechnologie zu fördern. Mit Erfolg, sagt Aebischer.

Die Zahl der Lehrstellen nehme stetig zu. Die Unternehmen kämen aber an Grenzen: «Der Bedarf an ICT-Fachkräften wächst jedes Jahr um rund sechs Prozent. Zusätzliche Ausbildungsplätze haben wir jährlich etwa vier Prozent. Der Bedarf ist dermassen gross, dass wir gar nicht mit der Ausbildung nachkommen.»

Google am Pranger

Die Branche sei sich bewusst, dass es dringend mehr Lehrstellen brauche. Allerdings: Die meisten Ausbildungsplätze bieten neben den KMU Banken und Versicherungen, die Swisscom und die SBB – vornehmlich also einheimische Unternehmen. Umso stossender, wenn dann internationale Konzerne die ausgebildeten Fachkräfte einfach abwerben.

Am Pranger steht namentlich der Internet-Konzern Google. Mit dem Suchmaschinen-Betreiber sei man in Gesprächen, sagt Aebischer vom Verband ICT-Berufsbildung – jedoch nicht nur punkto Berufsbildung. «Google ist auch im Hochschulbereich und in der Forschung sehr wichtig.» Google selber war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

«Headcount» bremst Ausbildung

Den Schweizer Ablegern internationaler Konzerne seien wegen restriktiver Vorgaben aus den Zentralen oft die Hände gebunden, weiss Aebischer. Die Unternehmen könnten nur eine bestimmte Anzahl an Mitarbeitern beschäftigen – Stichwort «Headcount». Dabei zähle ein Lernender gleichviel wie ein Informatik-Ingenieur. «Da ist klar, wie lokale Manager im Hinblick auf Umsatz und Rendite entscheiden.»

Da müssen die Wirtschaftsverbände noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Allerdings: Wird die Zuwanderung kontingentiert, wie es die Zuwanderungsinitiative verlangt, wird es für Unternehmen schwieriger, Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren. Dann nimmt auch der Druck zu, selber auszubilden. Bildungs-Experte Rudolf Strahm möchte noch einen Schritt weiter gehen: Ausländische Fachkräfte würden nur noch jene Konzernen bewilligt, die auch eine gewisse Anzahl Lehrstellen anbieten. Auf diese Weise könnte der Staat ein wenig Druck machen.