Darum geht es: Ein personalisiertes Müesli für ein längeres Leben – dank Künstlicher Intelligenz. KI soll helfen, die Auswirkungen von Lebensmitteln auf unseren Organismus besser zu verstehen. Die Lebensmittelindustrie wittert ein gigantisches Geschäft mit individuell perfektionierter Ernährung. Es gibt aber auch Kritik.
Was wir wirklich essen: «Du bist, was du isst», heisst es. Doch das stimme nur bedingt, sagt Computerwissenschaftler Ilias Tagkopoulos. «Eine Kichererbse oder eine Erdbeere kennen wir, aber nicht deren einzelne Moleküle.» Der Forscher lehrt am AI Institute for Next Generation Food Systems der Universität von Kalifornien in den USA. Man habe Kenntnis von Proteinen, Fetten oder Kohlenhydraten. «Es gibt aber Abertausende Moleküle, für die wir noch keinen Namen haben. Wir wissen auch nicht, welchen Einfluss sie auf unseren Körper und unseren Stoffwechsel haben.»
Food verstehen mit KI: Künstliche Intelligenz könne nun helfen, diese Fragen zu klären: «KI kann riesige Datenmengen in kurzer Zeit verarbeiten und so Zusammenhänge zwischen den einzelnen Molekülen aufzeigen.» Seine Forschungsteams könnten so herausfinden, welche Funktionen diese Moleküle hätten. Die einzelnen Bestandteile von Lebensmitteln und ihre Funktionen werden so nachvollziehbar.
Lebensmittel sollen uns weniger altern lassen, Krebs vorbeugen, entzündungshemmend und bioaktiv sein.
Keine Superfood-Pille: Kenne man das Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile, könne man Lebensmittel optimieren. Das Resultat sei keine Superfood-Pille, sagt der Wissenschafter. Gemeinsame Mahlzeiten als wichtiger Teil vieler Kulturen könne man nicht einfach abschaffen: «In Zukunft werden wir wie heute in den Supermarkt oder ins Restaurant gehen und etwas essen, das wie bisher schmeckt – oder gar besser.» Die Lebensmittel blieben dabei bezahlbar, aber seien viel gesünder. «Lebensmittel sollen uns weniger altern lassen, Krebs vorbeugen, entzündungshemmend und bioaktiv sein.» Dieses Ziel wollen er und sein Team erreichen.
Mehr Zukunft statt Superfood: Die Idee, Lebensmittel für die Gesundheit jedes Einzelnen zu optimieren, stösst allerdings auch auf Kritik. Zum Beispiel von Sara Roversi. Sie ist Gründerin des Future Food Institute in Bologna und engagiert sich weltweit für nachhaltige Ernährungssysteme. Mit Blick auf die Möglichkeiten durch KI, stellt sich ihr eine ganz andere, zentrale Frage: «Welche Zukunft wollen wir mit dieser Technologie bauen?»
Wir dürfen uns nicht allein fragen, welchen kurzfristigen Nutzen, welchen Vorteil die Technologie der Industrie oder den Konsumierenden bringt.
KI für Nachhaltigkeit: Für die Unternehmerin und Think-Tank-Gründerin müssten sich Konsumentinnen und Unternehmer in erster Linie fragen, wer ein Lebensmittel produziert habe und wie, ob dabei die Menschenrechte eingehalten oder wie viel Ressourcen verbraucht worden seien. «Wir dürfen uns nicht allein fragen, welchen kurzfristigen Nutzen, welchen Vorteil die Technologie der Industrie oder den Konsumierenden bringt.» Für Sara Roversi ist klar, dass KI da helfen kann. Denn es brauche intelligente Lösungen, um trotz weltweit beschränkter Ressourcen die Menschen rund um den Globus nachhaltig ernähren zu können.
So sollte es weitergehen: Wissenschaft und Industrie sind gefordert, mit KI künftig nicht nur die perfekt gesunden Lebensmittel zu kreieren, sondern auch deren Produktion ökologisch und sozial nachhaltig zu gestalten. Wenn wir als Gesellschaft verstehen, wo KI wie und wofür eingesetzt wurde, sind wir eher bereit, rundum optimierte Lebensmittel zu akzeptieren und in unsere Esskultur zu integrieren.