Nachfrage nach Staatsanleihen sinkt – kommt jetzt die Zinswende?

An der Börse reiben sich die Anleger derzeit die Augen: Die Kurse vieler Staatsanleihen sind in den vergangenen Tagen deutlich gesunken. Das lässt Anleger verunsichert zurück. Was ist mit den als sicher und stabil geltenden Papieren passiert?

Eine Gruppe von Männern schaut sich Kursanzeigen in einem UBS-Schaufenster in Zürich an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Spekulanten stossen ihre Staatsobligationen wegen des aktuellen Wirtschaftsklimas ab. Keystone

Es gibt Händler, die sprechen von einem Crash bei den Staatsobligationen. Andere sprechen bloss von einem reinigenden Gewitter. Zu Letzteren gehört Benedict Götte. Er ist Gründerpartner von Compass Capital, einer Firma, die für institutionelle Investoren wie Pensionskassen Risiken analysiert und absichert.

Er sagt: «Grundsätzlich kann man sagen, dass die Staatsanleihen in der Eurozone im Moment eine kleine Liquidation durchmachen. Da werden sehr viele extrem spekulative Positionen abgebaut, die sich über die letzten zwei Jahre aufgestaut haben.»

Nachfrage lange grösser als Angebot

Eine Liquidation, nachdem es zwei Jahre lang praktisch nur aufwärts gegangen ist mit den Kursen von Staatsanleihen; in der Eurozone, aber auch in der Schweiz. Investoren – risikoscheue Kleinanleger, aber auch grosse Spekulanten – deckten sich mit solchen Papieren ein. Das liess die Kurse weiter steigen, und das wiederum zog weitere Investoren an. Die Nachfrage war gross.

Und das, obwohl Staatsobligationen derzeit praktisch keine Zinsen abwerfen und für Anleger deshalb eigentlich wenig attraktiv wären. Doch: «Die Mehrheit der Investoren glaubte, die Eurozone werde auf ewig stagnieren und es gebe wenig Hoffnung auf einen Turnaround. Deshalb hat man noch mehr Obligationen gekauft», sagt Götte.

Viele Investoren waren bis vor kurzem der Ansicht, dass die Kurse für Staatsanleihen gar nicht mehr fallen können. Dies, weil die EZB jeden Monat für Milliardenbeträge solche Papiere aufkauft und damit die Nachfrage hoch hält. Götte vertritt jedoch die Meinung, dass der Umfang jener Anleihenkäufe die Kurse nicht beeinflussen oder gar stützen könnten. Er verweist auf den Handelsumsatz mit deutschen Staatsanleihen; dieser betrage 300 bis 400 Milliarden Euro im Monat. Daneben sei der Anteil der EZB-Anleihenkäufe mit 15 Milliarden eher gering.

Stimmung in Eurozone dreht sich

Inzwischen hat der Wind gedreht, die Wirtschaftsaussichten hellen sich auf: «Die vorlaufenden Indikatoren in der Eurozone – die Konsumentenstimmung, die Industriestimmung und so weiter – haben angefangen, zu drehen», so Götte. «Die grossen Spekulanten schauen darauf. Sie haben sich vermutlich gesagt, uns wird das zu heiss, wenn die Wirtschaft nach oben dreht.» Wer laufende nullverzinsliche Staatsanleihen hatte, habe irgendwann begonnen, diese Positionen zu liquidieren.

In den letzten Tagen setzte eine Verkaufskaskade ein. In einem derart von Spekulanten getriebenen Markt führe das unweigerlich zu einem Kurssturz, so Götte. «Die Geschwindigkeit dieser Bewegung verunsichert jetzt sehr viele Leute.»

Hoffnung auf Zinswende verfrüht

Investoren verkaufen jetzt Staatsanleihen, in der Hoffnung, dass die Zinsen bald steigen, und dann neue Anleihen auf den Markt kommen, die höhere Zinsen bringen, mehr Rendite abwerfen. Sie spekulieren auf ein generell steigendes Zinsniveau. Darauf, dass auch die Notenbanken die Leitzinsen anheben werden.

Sind das bereits Anzeichen für eine bevorstehende Zinswende? «Nein», sagt Götte. «Es ist ein bisschen verfrüht, das zu sagen. Wenn wir das in einem mehrjährigen Zeithorizont ansehen, ist die Bewegung, die wir jetzt hatten, eigentlich klein.»

Das heisst: Erst ein Teil der bestehenden Übertreibungen wurde korrigiert, wenn auch in kürzester Zeit. Der Druck auf die Obligationenkurse dürfte bestehen bleiben und die Verkaufswelle so schnell nicht abebben.