Sein erstes «Timing» als Fed-Chef hat Kevin Warsh verpasst. Mit sieben Tagen Verspätung ist er von Donald Trump vereidigt worden, eine Woche länger als vorgesehen blieb sein Vorgänger Jerome Powell im Amt. Dabei gilt in der Geldpolitik nicht zuletzt das «Timing» als entscheidend.
Warshs Vereidigung als neuer Fed-Chef waren wochenlange Querelen vorausgegangen, alles verzögerte sich. Das Bittere für Warsh: Die Verspätung hatte weniger mit ihm selbst als mit Donald Trump und dessen Fehde mit Jerome Powell zu tun. Und beide Männer wird der neue Notenbankchef so schnell nicht los.
Donald Trump will mitreden
Was Donald Trump angeht, ist die Sache auf dem Papier klar: Ab jetzt ist Kevin Warsh unabhängig. Egal, was er dem US-Präsidenten in den letzten Wochen an möglichen Zinssenkungen versprochen haben mag, ab jetzt hat Trump nicht mehr mitzureden. Dass der Präsident das auf allen Kanälen dennoch weiterhin tun wird, bezweifelt aber niemand.
Donald Trump will Zinssenkungen. Doch die anziehende Inflation und die beunruhigende Situation am Anleihenmarkt sprächen für Zinserhöhungen: für Warsh eine maximal ungemütliche Ausgangslage.
Beim Durchsetzen seiner Ziele ist Donald Trump selten zimperlich. Gegen Jerome Powell brachte er mit windigen Anschuldigungen das Justizministerium in Stellung. Sollte Warsh sich gegen ihn wenden, wird es über kurz oder lang auch für ihn ungemütlich.
Jerome Powell sitzt weiter am Tisch
Kommt hinzu, dass Warsh bei der Notenbank nun zwar als Chef vereidigt ist, sein Vorgänger bei wichtigen Entscheidungen aber weiterhin am Tisch sitzt. Jerome Powell hat zwar den Vorsitz abgegeben, bleibt aber Gouverneur und entscheidet damit weiter über die Geldpolitik mit, seine Amtszeit endet erst 2028.
Powell ist damit der erste Fed-Chef seit 1948, der über seine Amtszeit als Vorsitzender hinaus als Gouverneur amtet. Er begründet den Schritt mit seinem Engagement für die Unabhängigkeit der Zentralbank. Zwar hat Powell betont, dass er sich nicht als Dissident in den Vordergrund spielen will. Doch die Situation für Warsh ist knifflig.
Bröckelnde Unabhängigkeit, bröckelnde Macht
Über Zinsen etwa entscheidet das 12-köpfige FOMC-Gremium. Und eben hier wird Powell auch künftig dabei sein. Könnten sich die dortigen Mitglieder ihrem ehemaligen Chef mehr verpflichtet fühlen, als dem neuen? Und was, wenn es zu Konflikten kommt?
Als Fed-Chef ist Warsh nun offiziell einer der mächtigsten Männer Amerikas. Doch die bröckelnde Unabhängigkeit der US-Zentralbank hat seine Macht nach innen und nach aussen angreifbar gemacht. Das verpasste «Timing» zum Einstand könnte womöglich zum Symbol für Warshs Amtszeit werden. Denn die US-Geldpolitik hängt augenscheinlich längst nicht mehr nur am Notenbankchef.