Die Idee: Seit der Ankündigung der US-Regierung, die Kontrolle über Grönland übernehmen zu wollen, hat sich das Verhältnis zwischen den USA und Europa verschlechtert. Nun erhält die Idee Aufwind, dass Europa den USA den Geldhahn zudrehen könnte. Wenn grosse europäische Investoren US-Staatsanleihen verkaufen oder bei neuen Finanzierungsrunden nicht mehr mitmachen, dann könnte dies für die USA zum Problem werden. Während in Europa die Politiker darüber reden, hat China längst gehandelt und sich von US-Staatsanleihen getrennt.
Thema am WEF: Auch am Weltwirtschaftsforum WEF in Davos sind die US-Staatsanleihen ein Thema. So hat die finnische Aussenministerin Elina Valtonen anlässlich einer Podiumsdiskussion betont, dass der Anleihemarkt der wunde Punkt der USA sei und ein Verkauf von Staatsanleihen durchaus eine europäische Antwort sein könnte. Ein koordinierter Verkauf von Staatsanleihen könnte bedeuten, dass die USA höhere Zinsen für neue Schulden bezahlen müssten, was das Land schwächen würde.
Die Abhängigkeit ist hoch.
Schwachstelle der USA: Die USA haben Schulden von 38.4 Billionen Dollar, wovon 30 Billionen in Form von am Markt gehandelten Staatsanleihen. Das sind eine Art Kredite der amerikanischen Regierung. Knapp ein Drittel davon – 9.4 Billionen – sind Schulden bei Investoren im Ausland. «Die Abhängigkeit ist hoch, vor allem, weil sich die USA zunehmend über kurzfristige Papiere finanzieren», schreibt Kapitalmarktexperte Christof Schürmann von der Firma Flossbach von Storch Research Institute auf Anfrage. Die USA brauchen vom Kapitalmarkt neues Geld – auch von Investoren aus Europa.
12 Billionen Dollar: Die USA beschaffen sich auf dem Kapitalmarkt permanent neues Geld. Allein im laufenden Jahr müssen Schulden und Defizite im Wert von fast 12 Billionen Dollar refinanziert werden. Der Mechanismus ist wie bei einer Hypothek. Wenn diese ausläuft, dann muss der Schuldner entweder das Geld zurückbezahlen oder neue Schulden machen. Die USA entscheiden sich in der Regel für neue Schulden. Wenn ausländische Investoren fernbleiben, dann droht den USA eine Finanzkrise.
China koppelt sich ab: Während in Europa über Druckmittel gegen die USA diskutiert wird, hat China längst reagiert. Seit 2013 haben die Investoren aus China den Bestand an US-Staatsanleihen um fast die Hälfte reduziert, von zuvor 1.3 Billionen Dollar auf 683 Milliarden. In Europa hingegen haben die institutionellen Anleger in Ländern wie Grossbritannien, Belgien, Frankreich und Irland im vergangenen Jahr den Bestand an US-Staatsanleihen sogar noch aufgestockt. Investoren aus der Schweiz halten unverändert Anleihen von 300 Milliarden. US-Staatsanleihen sind attraktiv, weil sie hohe Zinsen bringen.
Die Hürde: Die Idee, die USA mit Schuldpapieren unter Druck zu setzen, ist theoretisch zwar eine Option, in der Praxis aber schwer umzusetzen. Die Staatsanleihen der USA werden von institutionellen Anlegern gehalten wie Fondsgesellschaften, Versicherern oder Pensionskassen, dazu auch von Privatanlegern. «Diese lassen sich weder zwingen, noch dürften sie ein Interesse an einem Verkauf haben, da dann erhebliche Verluste entstünden», schreibt Finanzmarktexperte Schürmann. Die Drohgebärden der europäischen Politiker sind wohl vor allem als Signal an die USA zu werten. Mit der Annexion Grönlands würde die amerikanische Regierung die rote Linie überschreiten.