Der Schweizerische Arbeitgeberverband lanciert eine Debatte über Teilzeitarbeit. Der Präsident Severin Moser möchte weniger «Lifestyle-Teilzeit», um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen.
SRF News: Herr Moser, zum 1. Mai: Vor über 100 Jahren wurde die 48-Stunden-Woche eingeführt. Heute arbeiten wir mit rund 42 Stunden. Das ist eine kleine Veränderung für einen so langen Zeitraum, mit Industrialisierung und Digitalisierung.
Severin Moser: Man muss die Jahresarbeitszeit betrachten. Die Anzahl der Ferienwochen und Feiertage hat zugenommen. Zudem arbeiten heute nicht mehr alle 100 Prozent.
Der Begriff «Lifestyle-Teilzeit» stammt vom Wirtschaftsflügel der CDU und von Arbeitgeberkreisen in Deutschland. Diese möchten das Recht auf Teilzeit abschwächen. Einen solchen Anspruch gibt es in der Schweiz nicht. Hier ist es eine Vereinbarungssache, Sie als Arbeitgeber hätten es also in der Hand.
Ja und nein. Wir haben in der Schweiz einen Arbeitnehmermarkt. Angesichts des Fachkräftemangels müssen Firmen Teilzeit anbieten, um überhaupt Leute zu finden. Viele schreiben Stellen heute bewusst mit 80 bis 100 Prozent aus, um den Pool an Bewerbern zu vergrössern. Uns fehlen bis in zehn Jahren bis zu 500 000 Arbeitskräfte. Deshalb müssen wir das inländische Potenzial ausschöpfen.
Eine wirksame Stressbewältigung ist wichtiger, als einfach nur das Pensum zu reduzieren.
Unsere Analyse zeigt: Es sind vor allem die über 50-Jährigen, die ihr Pensum für mehr Freizeit reduzieren, nicht die Jungen. Wir sprechen von Leuten, die mehr arbeiten könnten, es aber aus freien Stücken nicht tun – nicht wegen Betreuungspflichten oder aus gesundheitlichen Gründen.
Die Kritik lautet: Die Leute reduzieren nicht aus «Lifestyle»-Gründen, sondern weil die Arbeit zu belastend ist. Studien zeigen, dass Arbeitsstress und emotionale Erschöpfung zunehmen.
Der Stress hat zugenommen, das ist klar. Aber er entsteht nicht nur bei der Arbeit. Ein grosser Faktor ist der digitale Stress, die ständige Erreichbarkeit auch im Privaten. Eine wirksame Stressbewältigung ist wichtiger, als einfach nur das Pensum zu reduzieren. Als Arbeitgeber versuchen wir, mit Gesundheitsmanagement und organisatorischen Massnahmen wie Blockzeiten für Sitzungen entgegenzuwirken.
Was schlagen Sie konkret für Massnahmen vor?
Wir fordern, dass sich Mehrarbeit finanziell wieder mehr lohnen muss. Es braucht tiefere Grenzabgaben und weniger Fehlanreize. Eine starke Progression bei den Kita-Tarifen oder den Steuern wirkt nicht als Anreiz, im Erwerbsleben zu bleiben oder das Pensum aufzustocken.
Man muss die Situation vorurteilslos analysieren und spezifische Lösungen für einen Betrieb oder eine Abteilung finden.
Gegen den Stress am Arbeitsplatz fordern die Gewerkschaften weniger Zeitdruck, mehr Personal und mehr Schutz der psychischen Gesundheit.
Das sind einzelne Faktoren, die man analysieren kann. Aber unsere Betriebe stehen unter enormem Konkurrenzdruck. Man kann nicht einfach zusätzliche Leute einstellen, die es auf dem Arbeitsmarkt vielleicht gar nicht gibt. Man muss die Situation vorurteilslos analysieren und spezifische Lösungen für einen Betrieb oder eine Abteilung finden.
Das Gespräch führte Karoline Arn.