Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

200 Jahre Mobiliar Versicherungen: zwischen Nächstenliebe und Milliardengeschäft

Vor 200 Jahren wurde die Mobiliar gegründet. Ein Jubiläum, das zeigt, wie tief das Versicherungswesen in der Schweiz verwurzelt ist. Doch die Idee, sich gegen Schicksalsschläge abzusichern, ist viel älter und begann nicht als Geschäft, sondern aus purer Not. Wirtschaftsredaktor Klaus Ammann über die Anfänge, den rasanten Aufstieg und die Zukunft des Risikos.

Klaus Ammann

Wirtschaftsredaktor

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Der Historiker und Russist ist seit 2004 als Redaktor bei Radio SRF tätig. Seit 2011 arbeitet Klaus Ammann für die Wirtschaftsredaktion. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Energie- und Klimathemen.

Wie entstand die erste Versicherung in der Schweiz?

Die ersten Versicherungsformen gab es schon im Mittelalter. Im 14. Jahrhundert haben sich Handwerker einer Zunft gegenseitig abgesichert, um nach einem Todesfall das Begräbnis zu finanzieren und die Witwe zu unterstützen. Später gab es bei Bauern sogenannte Wetterkassen, die bei Ernteausfällen durch Unwetter einsprangen.

Wann wurde daraus ein professionelles Geschäft?

Anfang des 19. Jahrhunderts führten die Kantone die bis heute existierenden Gebäudeversicherungen ein. Diese versicherten nur die Häuser, nicht aber deren Inhalt. Diese Lücke schloss die heutige Mobiliar ab 1826. Sie war die erste professionelle Privatversicherung der Schweiz, die das bewegliche Hab und Gut – das Mobiliar – versicherte. Anfangs konnte man die Prämien auch in Naturalien bezahlen: zum Beispiel mit Gemüse.

War die ursprüngliche Motivation reine Solidarität?

Es begann als Solidaritätsmechanismus innerhalb kleiner Gruppen. Man merkte schnell, dass sich damit Geld verdienen lässt. Pioniere wie Alfred Escher waren überzeugt, dass Sicherheit zentral für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Nur wer die Sicherheit hat, nicht bei jedem Schicksalsschlag alles zu verlieren, geht auch unternehmerische Risiken ein.

Kann die Schweiz als Versicherungs-Pionierin bezeichnet werden?

Grossbritannien war rund 200 Jahre früher dran. Die Schweiz war lange zu kleinteilig: Bis zur Gründung des Bundesstaates 1848 gab es Zollgrenzen zwischen den Kantonen, verschiedene Währungen und sogar 14 verschiedene Zeitzonen. Das machte es für einen Versicherer extrem schwierig. Heute ist die Schweiz ein globales Versicherungszentrum.

Versicherungs-Nation Schweiz

Box aufklappen Box zuklappen

Die Schweiz gilt als Weltmeisterin im Versichern. Kaum ein Land gibt pro Kopf so viel für Versicherungsprämien aus – rund 6'000 Franken pro Person und Jahr.

In der Schweiz setzt man stark auf Eigenverantwortung und private, marktwirtschaftliche Lösungen. Gleichzeitig spielt der Staat eine zentrale Rolle, etwa bei der obligatorischen Gebäudeversicherung, die es in den meisten Kantonen gibt.

Früher dienten Versicherungen als Schutz vor dem totalen Ruin, beispielsweise nach einem Brand. Heute hat sich das zu einer Art Komfortleistung entwickelt. Kleinstschäden wie eine kaputte Brille oder die Kosten für die Zahnreinigung können abgesichert werden.

Auch Doppelversicherungen und Überschneidungen sind in der Schweiz ein Thema. Viele Haushalte haben zum Beispiel eine Unfallversicherung über den Arbeitgeber und zusätzlich noch eine bei der Krankenkasse. Ähnlich sieht es bei Reiseversicherungen aus, die oft schon über die Kreditkarte oder eine Verkehrsclub-Mitgliedschaft abgedeckt sind.

Wie hat die Schweiz diesen Rückstand aufgeholt?

Durch die schnelle Industrialisierung. Plötzlich brauchte es Transportversicherungen für den Export. Grossprojekte wie der Bau des Gotthardtunnels gaben der Branche einen enormen Schub, weil Investoren eine Absicherung verlangten. Eine wichtige Rolle spielte auch das Fabrikgesetz von 1877, das Fabrikbesitzer verpflichtete, ihre Arbeiterschaft gegen Unfälle zu versichern.

Eine Schweizer Spezialität ist die Rückversicherung. Was ist das genau?

Eine Rückversicherung ist eine Versicherung für Versicherungen. Eine normale Versicherung wie die Mobiliar gibt einen Teil ihrer Risiken an eine Rückversicherung weiter und zahlt dafür eine Prämie. So können die Erstversicherer auch sehr grosse Risiken tragen, ohne bei einem Grossereignis selbst unterzugehen.

Warum ist gerade die Schweiz zur Weltmacht der Rückversicherer geworden?

Das hat mit der politischen Stabilität, der Neutralität und dem vorhandenen Kapital des Finanzplatzes zu tun. Während der beiden Weltkriege konnten Schweizer Firmen weiterhin mit allen Parteien Geschäfte machen.

Bergsturz in Brienz Luftaufnahme.
Legende: 2026 Blick auf das Dorf Brienz-Brinzauls, das wegen eines erneuten drohenden Bergsturz über 62 Wochen evakuiert war. Keystone/Gian Ehrenzeller

Welches sind für Rückversicherer die grössten Risiken von morgen?

Abgesehen von der Cyberkriminalität ist der Klimawandel ein zentrales Thema. Da stellt sich die Frage, welche Risiken können Rückversicherer künftig noch versichern? Die Schweizer Versicherer sind aber zuversichtlich, dass die Klimarisiken hierzulande versicherbar bleiben.

Abgebranntes Terrain in Los Angeles.
Legende: Schaden durch grossen Waldbrand in Kalifornien 2025. In manchen von Waldbränden gefährdeten Gebieten in den USA ist es schon heute kaum mehr möglich, eine Versicherung abzuschliessen. Keystone, Noah Berger

Radio SRF 1, 25.2.2026, 10:00 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel