Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

40. Ausgabe Frauenlauf Bern Weshalb es den Frauenlauf heute noch braucht

Seit 40 Jahren laufen Frauen in Bern gemeinsam durch die Hauptstadt. Was einst ein Zeichen gegen Ausschluss war, ist heute der grösste Frauen-Breitensportanlass der Schweiz. Im Jahr 2026 stellt sich die Frage: Brauchts das noch?

Es war ein politisches Statement und es regnete in Strömen, als der Schweizer Frauenlauf 1987 in Bern erstmals durchgeführt wurde. Frauen hatten zuvor lange keinen gleichberechtigten Zugang zum Laufsport.

Das Sportangebot für Frauen war sehr beschränkt.
Autor: Jacqueline Ryffel Mitbegründerin des Berner Frauenlaufs

Die anfänglich kritischen Stimmen müsse man im Umfeld der damaligen Zeit sehen, sagt Jacqueline Ryffel, eine der «Geburtshelferinnen» des Laufs. «Es gab noch kein Internet, keine Handys und das Sportangebot für Frauen war sehr beschränkt», sagt sie rückblickend.

Angebote wie Pilates oder Zumba gab es nicht. «Wir wollten Frauen dazu bewegen, regelmässig Sport zu treiben, weil es einfach guttut». Mit dem Lauf entstand ein Raum, der ausschliesslich den Frauen gehörte.

Die erste Austragung übertraf alle Erwartungen: Statt der geplanten 1200 meldeten sich 2320 Läuferinnen an. Der Grundstein für eine Erfolgsgeschichte war gelegt. Anfangs fand der Lauf noch beim alten Wankdorf-Stadion in Bern statt. «Es war uns immer wichtig, dass die Frauen in ein Stadion mit vielen Zuschauern einlaufen», sagt Ryffel.

Besonders prägend war die internationale Strahlkraft in den 1990er-Jahren. Olympiasiegerinnen wie Derartu Tulu oder Yelena Romanova triumphierten in Bern. 1997 setzte die Kenianerin Lydia Cheromei mit 14.57 Minuten über 5 Kilometer eine Bestmarke – als erste Frau überhaupt unter 15 Minuten.

Vier Athletinnen stehen vor einer gesponserten Werbetafel bei einem Wettkampf.
Legende: Die Kenianerin Lydia Cheromei, die erste Frau, die die 5 Kilometer unter 15 Minuten lief stand 1997 und 2000 zuoberst auf dem Podest. Keystone/Edi Engeler

Ein Lauf für alle Frauen und Bedürfnisse

2005 wurde eine 10-km-Distanz eingeführt, später kamen Nachwuchskategorien hinzu, etwa der Girls Sprint ab 2009. Damit wurde der Frauenlauf zunehmend zum Generationenanlass. Heute laufen fünfjährige Mädchen, Mütter und Grossmütter gemeinsam durch Bern – vom 500-Meter-Sprint bis zur 10‑Kilometer-Strecke.

Das hat der Frauenlauf Bern bewegt

Box aufklappen Box zuklappen

Am Murtenlauf, den es seit 1933 gibt, konnten Frauen erst ab 1977 teilnehmen.

Bei den grossen Volksläufen lag der Frauenanteil vor der Gründung des Frauenlaufs Bern zwischen fünf und acht Prozent. Heute liegt er bei fast 50 Prozent, sagt die Mitgründerin Jacqueline Ryffel.

Der Frauenlauf habe viele Frauen dazu bewegt, mit dem Joggen anzufangen. «Wir haben sie anfänglich mit einer Broschüre und einem 12-Wochen-Trainingsplan gezielt an die 5-Kilometer-Distanz herangeführt», erzählt Ryffel stolz.

Einen Höhepunkt verzeichnete der Lauf 2016: Mit über 15’000 Finisherinnen wurde ein Teilnehmerrekord erreicht. Ebenso prägend sind die vielen persönlichen Geschichten – Frauen, die nach Krankheit zurückkehren, gemeinsam mit Freundinnen laufen oder erstmals Sport treiben.

Das Jahr der grossen Emotionen

2002 gab es eine Stabsübergabe. Jacqueline Ryffel trat das Präsidium an die erfolgreiche Langstreckenläuferin Franziska Rochat-Moser ab, als diese später bei einem Lawinenunfall tödlich verunglückte.

Als das ganze Stadion mitsang, war das unglaublich berührend.
Autor: Jacqueline Ryffel Mitbegründerin des Frauenlaufs Bern

Am Frauenlauf, drei Monate nach ihrem Tod, gedachte man der Verstorbenen mit dem Song «Heaven» von Gotthard, den sie kurz vorher noch mit Steve Lee auf der Bühne gesungen hatte, erinnert sich Ryffel. «Als das ganze Stadion mitsang, war das unglaublich berührend.» Läuft dieses Lied heute, denken wir immer auch an sie.

Für die Mitbegründerin des Laufs, Jacqueline Ryffel, ist klar: So lange jährlich 15’000 Frauen teilnehmen, braucht es ihn. Darunter sind jedes Jahr über 4000 Frauen, die zum allerersten Mal mitlaufen. Es ist ein Tag des Gemeinschaftserlebnisses, den man mit Freundinnen, der Tochter oder den Arbeitskolleginnen verbringt.

Vielleicht liegt darin der wichtigste Grund: Der Frauenlauf ist längst mehr als ein Rennen. Er ist ein Ort der Begegnung, der Emotionen und der kollektiven Erfahrung. Wenn Tausende Frauen gemeinsam starten, entsteht ein Moment, der zeigt, was möglich ist, wenn Raum geschaffen wird. Gerade im Jubiläumsjahr 2026 wird der Frauenlauf nicht mehr nur gebraucht, weil früher etwas gefehlt hat. Sondern weil er heute sichtbar macht, wie Gleichstellung gelebt werden kann – Schritt für Schritt.

Radio SRF 1, 2.6.2026, 7:20 Uhr;liea

Meistgelesene Artikel