Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gründete die Schweiz einen Zufluchtsort für kriegsversehrte Kinder. Im appenzellischen Trogen fanden tausende Flüchtlinge aus ganz Europa eine neue Heimat. Einer von ihnen war der 18-jährige Erich Baader.
Der gebürtige Ungar wuchs im deutschsprachigen Teil des Landes auf und schloss sich 1956 der ungarischen Revolution an. Als Teil der Nationalgarde wollte er gegen die sowjetische Unterdrückung kämpfen. Seine Mutter fürchtete um sein Leben und drängte ihn schliesslich zur Flucht: «Sie wusste, dass ich zur Verantwortung gezogen würde, weil ich eine Waffe hatte», erinnert sich der heute 88-Jährige.
Ankunft war eine Nacht-und-Nebel-Aktion
Gemeinsam mit seiner Tante und deren Kindern landete er in einem Auffanglager in der Nähe von Wien. Dort hörte die Familie das erste Mal vom Kinderdorf Pestalozzi: Das Dorf nehme Flüchtlingsfamilien aus Europa auf.
In einer nebligen und verschneiten Nacht im November 1956 kam die Familie im appenzellischen Dorf Trogen an. Erst am nächsten Tag sah der junge Ungar, wo er überhaupt war. Die Leute erklärten ihm, er sei in einem Kinderdorf, das 1946 für europäische Kriegswaisen gegründet worden sei. «Ich fand das eine Wahnsinnsidee.»
Da der damals 18-Jährige ziemlich gut Deutsch konnte, fand er schnell Anschluss. Er beteiligte sich am Bau eines Fussballplatzes und erkundete die ländliche Umgebung. Besonders in Erinnerung blieb ihm der Dialekt: «Wir konnten mehr oder weniger Schriftdeutsch sprechen, aber den Appenzeller Dialekt haben wir nicht verstanden.»
Das Kinderdorf als Sprungbrett
Mit Unterstützung des Dorfleiters absolvierte Baader eine Lehrerausbildung in der Schweiz. Als Hospitant besuchte er die Kantonsschule in Trogen und schloss 1959 das Lehrerseminar in Bern ab.
Der gebürtige Ungar machte sich in der Schweiz sesshaft: Er unterrichtete als Lehrer in Bern, liess sich einbürgern, heiratete und bekam mit seiner damaligen Frau zwei Söhne. Später absolvierte er ein Musikstudium und unterrichtete als Musiklehrer im Pestalozzi-Kinderdorf.
Kinderdorf bleibt im Herzen
Inzwischen lebt der 88-Jährige wieder in Ungarn: Nach seiner Pension kehrte er ins Heimatland zurück, um das Haus seiner verstorbenen Mutter zu übernehmen.
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Bild 1 von 6. Seit der Gründung fanden im Pestalozzi-Kinderdorf tausende Menschen ein neues Zuhause. Bildquelle: Keystone/Gian Ehrenzeller.
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Bild 2 von 6. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine fanden auch viele ukrainische Geflüchtete im Kinderdorf Schutz. Bildquelle: Keystone/Gian Ehrenzeller.
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Bild 3 von 6. Inzwischen ist die Stiftung als internationales Hilfswerk tätig und engagiert sich in zwölf Ländern weltweit für den Zugang zu Bildung für benachteiligte Kinder. Bildquelle: Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.
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Bild 4 von 6. In interkulturellen Austauschprojekten treffen Schweizer Schulklassen auf Kinder aus Südosteuropa. Bildquelle: Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.
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Bild 5 von 6. Das Kinderdorf Pestalozzi befindet sich in Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden und ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz aufgeführt. Bildquelle: Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.
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Bild 6 von 6. Namensgeber des Kinderdorfes ist der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi: Das Gründungsjahr des Kinderdorfes fiel auf seinen 200. Geburtstag. Bildquelle: Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.
Doch das Pestalozzi-Kinderdorf begleitet Baader bis heute: Im Rahmen des 80-Jahr-Jubiläums kommt er in die Schweiz und studiert mit den Kindern Lieder in allen Muttersprachen ein. «Das Kinderdorf ist ein ganz wichtiger Punkt in meinem Leben. Für mich war es wie ein Sprungbrett.»