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80 Jahre Kinderdorf Pestalozzi Ein Geflüchteter macht dank des Kinderdorfs Karriere

Erich Baader fand im Pestalozzi-Kinderdorf Zuflucht – und nutzte die neue Heimat als Sprungbrett für sein Leben.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gründete die Schweiz einen Zufluchtsort für kriegsversehrte Kinder. Im appenzellischen Trogen fanden tausende Flüchtlinge aus ganz Europa eine neue Heimat. Einer von ihnen war der 18-jährige Erich Baader.

Erich Baader steht vor einem Haus.
Legende: Erich Baader wohnt heute in Ungarn, nahe der Stadt Sopron, an der Grenze zu Österreich. zVg, Erich baader

Der gebürtige Ungar wuchs im deutschsprachigen Teil des Landes auf und schloss sich 1956 der ungarischen Revolution an. Als Teil der Nationalgarde wollte er gegen die sowjetische Unterdrückung kämpfen. Seine Mutter fürchtete um sein Leben und drängte ihn schliesslich zur Flucht: «Sie wusste, dass ich zur Verantwortung gezogen würde, weil ich eine Waffe hatte», erinnert sich der heute 88-Jährige.

Ankunft war eine Nacht-und-Nebel-Aktion

Gemeinsam mit seiner Tante und deren Kindern landete er in einem Auffanglager in der Nähe von Wien. Dort hörte die Familie das erste Mal vom Kinderdorf Pestalozzi: Das Dorf nehme Flüchtlingsfamilien aus Europa auf.

Erich Baader und seine Familie stehen vor dem Kinderdorf Pestalozzi am 9. November 1956 ( schwarzweiss-Aufnahme).
Legende: Erich Baader (ganz rechts) kam am 9. November 1956 mit seiner Tante und deren Kindern im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen an. zvg, Erich Baader

In einer nebligen und verschneiten Nacht im November 1956 kam die Familie im appenzellischen Dorf Trogen an. Erst am nächsten Tag sah der junge Ungar, wo er überhaupt war. Die Leute erklärten ihm, er sei in einem Kinderdorf, das 1946 für europäische Kriegswaisen gegründet worden sei. «Ich fand das eine Wahnsinnsidee.»

Eine Widmung des Dorfleiters des Pestalozzi Kinderdorfes an Erich Baader.
Legende: Der Dorfleiter Arthur Bill wünscht Erich Baader am letzten Tag seines Aufenthalts mit dieser Widmung alles Gute. zvg, erich baader

Da der damals 18-Jährige ziemlich gut Deutsch konnte, fand er schnell Anschluss. Er beteiligte sich am Bau eines Fussballplatzes und erkundete die ländliche Umgebung. Besonders in Erinnerung blieb ihm der Dialekt: «Wir konnten mehr oder weniger Schriftdeutsch sprechen, aber den Appenzeller Dialekt haben wir nicht verstanden.»

Das Kinderdorf als Sprungbrett

Mit Unterstützung des Dorfleiters absolvierte Baader eine Lehrerausbildung in der Schweiz. Als Hospitant besuchte er die Kantonsschule in Trogen und schloss 1959 das Lehrerseminar in Bern ab.

Der gebürtige Ungar machte sich in der Schweiz sesshaft: Er unterrichtete als Lehrer in Bern, liess sich einbürgern, heiratete und bekam mit seiner damaligen Frau zwei Söhne. Später absolvierte er ein Musikstudium und unterrichtete als Musiklehrer im Pestalozzi-Kinderdorf.

Kinderdorf bleibt im Herzen

Inzwischen lebt der 88-Jährige wieder in Ungarn: Nach seiner Pension kehrte er ins Heimatland zurück, um das Haus seiner verstorbenen Mutter zu übernehmen.

Doch das Pestalozzi-Kinderdorf begleitet Baader bis heute: Im Rahmen des 80-Jahr-Jubiläums kommt er in die Schweiz und studiert mit den Kindern Lieder in allen Muttersprachen ein. «Das Kinderdorf ist ein ganz wichtiger Punkt in meinem Leben. Für mich war es wie ein Sprungbrett.»

Radio SRF 1, Morgengast, 28.4.2026, 7:20 Uhr

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