Was für Tiere leben auf der Alp? Eine Städterin oder ein Unterländer erwarten wohl Kühe. Nicht aber Hans-Peter Wymann. Er schnürt sich die Wanderschuhe der Schmetterlinge wegen. «Im Sommer gehe ich nie ohne Netz aus dem Haus.»
«Hier, schau, ein Bläuling! Da ein Schwalbenschwanz! Ein Braunauge, ein kleiner Dickkopf und ein Perlmutterfalter!» Es ist sofort klar, weshalb man ihn als wandelndes Schmetterlings-Lexikon bezeichnet. Wir sind unterwegs auf die Alp Hintisberg im Talkessel von Grindelwald.
«Hier kannst du hinschauen, wo du willst. Es ‹fladderet› überall. Es ist eine der artenreichsten Ecken überhaupt», schwärmt Wymann. «Auf einer Höhe von 1200 bis 1800 Metern leben über 100 verschiedene Tagfalterarten.»
Schon als Kind hat sich Wymann für Schmetterlinge fasziniert. Später begann er, sie zu zeichnen, und war bis zur Pensionierung verantwortlich für die Schmetterlingssammlung des Naturhistorischen Museums Bern.
Faszinierende Schmetterlinge am Hintisberg
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Bild 1 von 6. Zu fast allen Faltern hat Wymann auch eine Geschichte. Der braune Storchschnabel-Bläuling zum Beispiel sei, obwohl er braun ist, ein Bläuling. Denn alle seine nächsten Verwandten seien blau. Bildquelle: Imago / TT.
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Bild 2 von 6. «Ein ganz geiler Schmetterling», rutscht es Hans-Peter Wymann heraus, als er ihn sieht. Der mattfleckige Weissling lebe hauptsächlich in Spanien. Wymann war der erste, der ihn im Talkessel Grindelwalds entdeckt hat. Bildquelle: Imago / Avalon.
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Bild 3 von 6. Schmetterlinge haben keine Ohren. Aber Augenfalter wie das kleine Wiesenvögelchen hören mit den Flügeln. Mit aufgeblasenen Adern spüren sie Luftdruckunterschiede. Bildquelle: Imago / Zoonar.
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Bild 4 von 6. Der Distelfalter ist einer der bekanntesten Wanderfalter. Ein einzelnes Individuum kann 1000 Kilometer zurücklegen. Bildquelle: Imago / Chromorange.
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Bild 5 von 6. Was haben Krokodile und dieser Dickkopffalter gemein? Beide sind die Kaltblüter. Auch Schmetterlinge müssen sich vor einem Flug an der Sonne aufheizen. Bildquelle: Hans-Peter Wymann.
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Bild 6 von 6. Sprechen können Apollofalter leider nicht. Aber sie seien viel robuster, als man denkt. Nach dem Interview gaukelte dieser Falter fröhlich weiter zur nächsten Blüte. Bildquelle: Hans-Peter Wymann.
«Dieser ganze Hang hier ist südexponiert», erklärt Wymann. Das bedeutet: Es ist warm. «Zudem ist die Biodiversität auf dieser Bergwiese irrsinnig. Sie wird nur extensiv bewirtschaftet. Gemäht wird erst Mitte Juni und wahrscheinlich wurde sie noch nie gedüngt.» Und je vielfältiger die Pflanzen sind, desto grösser sei das Artenspektrum der Schmetterlinge.
Das kleine Paradox in Zeiten des Artensterbens: Hier auf der Alp würden es sogar von Jahr zu Jahr mehr Schmetterlinge. «Meistens sind das Wärmeprofiteure, die ihr Areal erweitern», so Wymann. Andere Arten wiederum haben andernorts ihre Lebensräume verloren. So etwa der Apollofalter.
Der Apollofalter: Symbol des Artenschutzes
«Da, da ist einer!» Hans-Peter Wymann zückt seinen Kescher. «Zack!» Schon flattert der weisse Falter mit den markanten roten Punkten im Netz. Wir nehmen ihn in die Hand. «Die sind viel robuster, als man meint, keine Sorge.» Aus der Nähe wirken die Flügel glasig. Sie sind fast transparent.
Einen Apollofalter zu präsentieren sei immer ein Highlight. «Der ist eine Ikone. Es ist die einzige kontinentaleuropäische Tagfalterart, die im Washingtoner Artenschutzabkommen aufgeführt ist», sagt Wymann. «Er hat den gleichen Schutzstatus wie Panzernashörner oder Elefanten.» Wir lassen ihn wieder frei und gehen zurück auf die Pirsch.
«Da! Ein Scheckenfalter im Paarungsflug. Hier, kleine Wiesenvögelchen! Und ein Mattfleckiger Weissling. Eine ganz geile Art», rutscht es dem Kenner heraus. Vor drei Jahren habe er diesen hier als Erster entdeckt.
Lebt weltweit nur hier: der Grindelwalder Mohrenfalter
Gerne hätte er mir ja auch noch eine weitere Art präsentiert. Den eigentlichen Lokalhelden des Gebiets. Der sei hier nämlich ein wahres Unikum, fliege aber erst Ende Juni: der Grindelwalder Mohrenfalter. «Diesen Schmetterling gibt es nur hier und bis zur grossen Scheidegg», sagt Wymann, «sonst lebt er nirgendwo auf der Welt.»
Er ist stark gefährdet. Dass er an diesem Standort auf der Alp Hintisberg noch lebt, hat er mitunter Wymann zu verdanken. Genau in diesen Südhängen ist nämlich eine Solaranlage geplant. Schmetterlingskenner Wymann hat dem Planungsbüro und Auftraggeber aber erklärt, dass dies das Ende der Falterpopulation bedeuten könnte. Allen Beteiligten sei sofort klar gewesen: Das darf nicht sein. Die Panels werden nun weiter unten am Hang aufgebaut.
Happy End für die Schmetterlinge. Zumindest im Talkessel von Grindelwald.
Studie: Wie steht es um die Insektenvielfalt der Schweiz?
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Bild 1 von 9. Ein Schweizer Forschungsteam hat erstmals die Entwicklung der Insektenvielfalt in der Schweiz über fast ein Jahrhundert rekonstruiert und die Ergebnisse im Juni 2026 publiziert. (Bild: Taubenschwänzchen). Bildquelle: IMAGO / Imagebroker.
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Bild 2 von 9. In der entsprechenden Studie zeigt sich: Einige Insektenbestände erholen sich stellenweise. Nach einem harten Einbruch zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren erleben Totholzkäfer wie der Kopfhornschröter ein Comeback. Bildquelle: IMAGO / imagebroker.Link zur Studie des Schweizer Forschungsteams
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Bild 3 von 9. Über den gesamten 90-Jahr-Zeitraum verzeichnen Totholzkäfer sogar ein leichtes Plus von 2.7 Prozent. Sie profitieren von moderner, naturnaher Waldwirtschaft, mehr Totholz und der Klimaerwärmung. (Bild: Hirschkäfer im Tierpark Dählhölzli in Bern). Bildquelle: KEYSTONE / Anthony Anex.
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Bild 4 von 9. Auch die wärmeliebenden und wärmeangepassten Arten profitieren in Zeiten der Klimaerwärmung, wie zum Beispiel der Moschuskäfer. Bildquelle: IMAGO / Pond5 Images.
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Bild 5 von 9. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Insekten, deren Population zurückgeht – teils massiv. Landesweit sank die Vielfalt von Schmetterlingen um 12 Prozent. Im dicht besiedelten und landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland brach die Vielfalt sogar um 29.2 Prozent ein. (Bild: Felsenfalter). Bildquelle: IMAGO / Zoonar.
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Bild 6 von 9. Hochgradig spezialisierte Schmetterlingsarten verloren sogar 41 Prozent ihrer Vielfalt. Auch Nahrungsspezialisten, die auf ganz bestimmte Pflanzen oder Bäume angewiesen sind, erlitten bei Käfern (-16.6 Prozent) und Schmetterlingen (-22.3 Prozent) massive Einbussen. (Bild: Kurzschwänziger Bläuling). Bildquelle: IMAGO / CHROMORANGE.
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Bild 7 von 9. Auch kälteangepasste Schmetterlinge verloren seit den 1930er-Jahren rund 30 Prozent ihrer Vielfalt (Bild: der kälteliebende Hochalpen-Perlmuttfalter). Bildquelle: IMAGO / blickwinkel.
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Bild 8 von 9. Dennoch: Für einige wenige Schmetterlinge sieht es nicht schlecht aus, nämlich die grösseren (+14.1 Prozent mehr Vielfalt). Sie sind mobiler und können neue Lebensräume leichter erreichen. (Bild: Schwalbenschwanz). Bildquelle: IMAGO / imagebroker.
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Bild 9 von 9. Die Bemühungen zum Schutz der Biodiversität zeigten teilweise Wirkung, schreibt das Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft zur Studie. Doch es brauche weitere Anstrengungen – wie beim Grossen Eisvogel (im Bild), der in Pfeffingen BL nicht zuletzt wegen gezielter Fördermassnahmen eine dauerhafte Population aufgebaut hat. Bildquelle: IMAGO / Shotshop.