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Mobilitätsbon-Initiative Klimaschutz statt Reiselust: Debatte um Flugticketabgabe lanciert

Flugreisen schaden dem Klima. Und dennoch verzeichnen die Schweizer Flughäfen Passagierrekorde. Eine Initiative will nun jene zur Kasse bitten, die besonders oft fliegen – sie stösst damit aber auch auf viel Kritik.

Schweizerinnen und Schweizer reisen gerne und viel. Bei den meisten Reisen handelt es sich um Ferienflüge. Vielen Passagieren ist bewusst, dass sie damit dem Klima schaden – geflogen wird dennoch.

Der Flugverkehr trägt weltweit etwa 3 bis 5 Prozent zur Klimaerwärmung bei. In der Schweiz ist der Effekt jedoch weitaus massiver: Laut Bundesrat macht das Fliegen – unter Berücksichtigung aller Klimagase in grosser Höhe – bis zu 27 Prozent der Schweizer Klimaauswirkungen aus.

Die Umweltorganisation «Umverkehr» will Vielflieger deshalb mit einer Initiative zur Kasse bitten und Bahnreisen fördern. Gemäss Klimaschutzgesetz muss der Flugverkehr das Netto-Null-Ziel bis 2050 erreichen. Es fehlen jedoch Zwischenziele und ein konkreter Absenkpfad.

Auf einen Blick: Das will die Mobilitätsbon-Initiative

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Die Initiative verfolgt das Ziel, die Kostenwahrheit im Flugverkehr zu erhöhen, den Ausbau der Bahninfrastruktur zu finanzieren und umweltfreundliches Reisen finanziell zu belohnen.

1. Die Flugticketabgabe (Lenkungsabgabe)

Jeder Passagier, der von einem Schweizer Flughafen abhebt, zahlt eine zusätzliche Gebühr. Die Höhe ist nach Distanz und Buchungsklasse gestaffelt:

  • Kurzstrecken (Europa): Mindestens 30 Franken pro Flug.

  • Langstrecken: Höhere Beträge, als Richtlinie werden ca. 120 Franken genannt.

  • Privatjets: Eine deutlich höhere Abgabe von mindestens 500 Franken pro Start.

  • Ausnahmen: Rettungsflüge (z.B. Rega) und notwendige Transportflüge sind von der Steuer befreit.

2. Verwendung der Einnahmen (Zwei-Säulen-Modell)

Es wird mit Gesamteinnahmen von rund 1,5 Milliarden Franken gerechnet. Dieses Geld wird wie folgt aufgeteilt:

  • Rückverteilung: Etwa eine Milliarde Franken fliesst direkt an die Bevölkerung zurück. Jede Person in der Schweiz erhält einen persönlichen Gutschein (Mobilitäts-Bon) im Wert von ca. 110 Franken, der für den öffentlichen Verkehr (Zug, Bus, Halbtax) genutzt oder verschenkt werden kann.

  • Infrastruktur und Innovation : Rund 500 Millionen Franken werden zweckgebunden investiert in den Ausbau von internationalen Bahnverbindungen (z. B. Nachtzüge, Direktzüge ins Ausland) und die Förderung von synthetischen Treibstoffen (SAF), um den Flugverkehr technisch klimafreundlicher zu machen.

Priska Wismer-Felder, Mitte-Nationalrätin und Mitglied des Initiativkomitees, bemängelt, dass Flugtickets heutzutage so preiswert sind, dass das Fliegen fälschlicherweise als selbstverständliches und normales Verkehrsmittel wahrgenommen werde.

Ausserdem kritisiert sie, dass der Flugverkehr weder einer Kerosinsteuer noch einer Mehrwertsteuer unterliegt.

Billigflüge sind ein falscher Anreiz

Als Beispiel für extreme Auswüchse nennt sie Reisende, die sich aufgrund der niedrigen Preise vorsorglich für jedes Wochenende Flüge zu Ferienhäusern buchen, ohne sicher zu wissen, ob sie diese überhaupt nutzen.

Mit der Ticketabgabe möchte sie solche Verhaltensweisen eindämmen und einen Preis schaffen, der tatsächlichen ökologischen Belastung gerecht wird.

Dänemark hat eine solche Flugticketabgabe 2025 eingeführt. Schweden kannte ab 2018 eine Flugticketabgabe, schaffte sie aber 2025 wieder ab.

Ein Blick nach Schweden und Dänemark

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Porträt von Bruno Kaufmann
Legende: Bruno Kaufmann, SRF-Nordeuropa-Korrespondent SRF Screen

Nordeuropa-Korrespondent Bruno Kaufmann mit einem Einblick, wie Schweden oder Dänemark mit der Flugticketabgabe umgehen und was für Erfahrungen die nordischen Länder damit machen oder gemacht haben:

  • Schweden führte 2018, als eines der ersten Länder weltweit, eine Flugticketabgabe von 10-50 Franken ein, woraufhin der Inlandflugverkehr um 50 Prozent zurückging. Einen Rückgang gibt es teilweise auch beim Europa- und Auslandverkehr. Allerdings ist umstritten, ob dies allein an der Abgabe lag oder auch an der Pandemie, den hohen Brennstoffpreisen und der «Flugscham»-Debatte rund um Greta Thunberg.
  • Schweden schaffte die Flugticketabgabe im Sommer 2024 wieder ab nach einem Regierungswechsel 2022, der eine andere politische Ausrichtung verfolgte. Die Abschaffung ist seit Sommer 2025 in Kraft. Seither hat der Inlandflugverkehr interessanterweise nicht wieder zugenommen, sagt Bruno Kaufmann.
  • Der Rückgang des Flugverkehrs bedrohte über die Hälfte der schwedischen Inlandsflughäfen. Teilweise mussten sie schliessen, Arbeitsplätze gingen verloren. Auch hier stellt sich die Frage, in welchem Zusammenhang der wirtschaftliche Schaden mit der Flugticketabgabe steht und welche weiteren Faktoren mitspielen.
  • Viele schwedische Firmen und Behörden führten neue Reiserichtlinien ein, die vermehrt auf Online-Meetings und Bahnreisen statt Flüge setzten. Dies trug ebenfalls zum Rückgang des Flugverkehrs bei, unabhängig von der Ticketabgabe.
  • Dänemark, das zehnmal kleiner ist wie Schweden, führte 2025 eine Flugticketabgabe ein, die bis 2030 jährlich steigen soll. Sie ist Teil eines Gesamtkonzepts für Klimaschutz, zu dem auch die weltweit erste CO2-Abgabe für Landwirtschaft gehört. Auswirkungen sind noch nicht messbar.

      Gebühren schaden der Flugindustrie

      Thomas Hurter, SVP-Nationalrat, Präsident von AeroSuisse und Linienpilot bei der Swiss, stuft Flugzeuge als ganz normale Transportmittel ein, die für die Schweiz genauso wichtig sind wie Bus oder Bahn. Sein Hauptargument ist, dass die Initiative der Schweizer Flugindustrie schadet, wenn im Alleingang Gebühren eingeführt werden.

      Wenn wir der Industrie Geld wegnehmen, können wir das Ziel Netto-Null 2050 nicht erreichen.
      Autor: Thomas Hurter SVP-Nationalrat und Präsident von AeroSuisse

      Würde eine Flugticketabgabe eingeführt, würden viele Reisende von Flughäfen im nahen Ausland abfliegen. Denn: Reisende achten sehr genau auf den Preis, sagt Hurter. «Das hilft dem Klima am Ende nicht, weil die Leute dann sogar noch weitere Wege auf sich nehmen.»

      Ausserdem betont der SVP-Politiker, dass die Fluggesellschaften ihre Einnahmen brauchen, um den Klimaschutz voranzutreiben: «Wenn wir der Industrie Geld wegnehmen, können wir das Ziel Netto-Null 2050 nicht erreichen.» Zum Beispiel durch die Anschaffung von modernen, effizienteren Flugzeugen oder der Investition in umweltfreundlichere Treibstoffe.

      Klimaschutz vs. Reiselust

      Passagierrekorde an Schweizer Flughäfen und die Forderungen nach einem griffigen Klimaschutz stehen sich gegenüber.

      Mit dem Start der Unterschriftensammlung Ende April wird sich zeigen, ob die Forderung nach Kostenwahrheit mehrheitsfähig ist.

      Gäste im «Forum»

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      Pro: Priska Wismer-Felder,
      Nationalrätin Mitte & Komitee Mobilitätsbon-Initiative

      ContraThomas Hurter,
      Nationalrat SVP, Präsident Aerosuisse & Linienpilot

      Eindrücke aus Nordeuropa: Peter Kaufmann
      Nordeuropa-Korrespondent Radio SRF

      SRF 1, Forum, 16.14.2026, 10:00 Uhr ; 

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