Nach Jahren zieht es mich wieder hinauf in die Landschaft oberhalb der Leventina. Cavagnago, Sobrio, Pollegio – kleine Dörfer, die wie helle Punkte am Berg kleben und die letzten Kilometer der Strada Alta verlaufen. Vor 24 Jahren bin ich diese Strecke zuletzt am Stück gewandert, als Teil einer grossen, mehrtägigen Tour.
Jetzt also, im Frühling 2026 wähle ich die verkürzte Version. Wer glaubt, die Leventina bestehe nur aus Transitverkehr und Gotthardstau, wird hier auf der linken Talschulter eines Besseren belehrt. Hier oben tickt das Tessin langsamer. Und zwar wohltuend langsam.
Eine Wanderung wie ein Gedicht
Der Weg abwechselnd gutmütig, dann wieder fordernd, gerade richtig um die Wandersaison zu lancieren. Trittsicher sollte man auf den grossen Steinplatten, die den Weg zwischendurch immer wieder pflastern, allerdings sein.
Landschaftlich ist diese Etappe ein Gedicht: oben noch Bergregion, unten schon Kastanienwald. Dazwischen Dörfer und Weiler, die heute vor allem auch Ferienorte sind. Orte auf sonnigen Terrassen, geprägt von Steinhäusern, kleinen Kirchen und alten Holzbauten.
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Bild 1 von 8. Unterwegs auf der Strada Alta reiht sich ein Bergdorf ans nächste: Altanca, Deggio, Osco, Rossura, Anzonico, Cavagnago oder Sobrio. Massive Steingebäude mit robusten Dorfkirchen und Wegkapellen prägen die Dörfer, die nur noch zum Teil ganzjährig bewohnt sind. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 2 von 8. Wer im Tessin nur an Gelati, Grotti und Palmen denkt, hat die Rechnung ohne die Strada Alta di Leventina gemacht. Dieser legendäre Höhenwanderweg zeigt das Tessin von seiner ursprünglichsten Seite – sonnig, geschichtsträchtig und mit ordentlich Höhenmetern für die Beine. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 3 von 8. Die Strada Alta erstreckt sich über rund 45 Kilometer und führt in drei Etappen von Airolo am Fuss des Gotthards bis hinunter nach Biasca. Hoch über dem Leventinatal wandert man auf alten Säumerwegen, die schon vor Jahrhunderten als sichere Nord-Süd-Verbindung dienten. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 4 von 8. Föhren- und Birkenwälder wechseln sich ab mit Kastanien- und Akazienhainen. Die Landschaft auf der Strada Alta wandelt sich stetig – von alpiner Bergwelt zu fast mediterranem Flair mit Palmen in den Gärten im Tal. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 5 von 8. Die alten Steinplatten auf der Strada Alta sind ein charakteristisches Merkmal dieses historischen Höhenwegs oberhalb der Leventina. Sie sind Überbleibsel alter Saumpfade, die durch Dörfer führen und die Geschichte des alpinen Lebens sichtbar machen. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 6 von 8. Das Klima in der Leventina kann frühlingshaft mild, manchmal aber auch wechselhaft sein. Die Temperaturen steigen im Frühling bereits über 10 °C: Ideale Temperaturen für Wanderungen. In den Rucksack gehört trotzdem wetterfeste Kleidung. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 7 von 8. Das Einritzen von Namen in Bäume ist ein alter Brauch und symbolisiert Beständigkeit. Es schadet dem Baum aber, da die Wunden Krankheiten und Schädlingen Tür und Tor öffnen können. Diese beiden Buchen im Wald kurz vor dem Weiler Diganengo scheinen Krankheiten seit Jahren zu trotzen. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni.
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Bild 8 von 8. Der Kontrast: In Pollegio trifft Wanderschuh auf Hightech. Hier steht die Betriebszentrale Süd, von der aus der gesamte Bahnverkehr der Gotthardachse gesteuert wird – inklusive dem Ceneri-Basistunnel. Hier steht auch das Besucherzentrum AlpTransit, das die Geschichte des Baus des Gotthard- Basistunnels dokumentiert. Bildquelle: SRF/Marcel Hähni .
Alte Säumerwege führen über Wiesenabschnitte, zwischen Trockenmauern und Wäldern hindurch, über kleine Bächlein und an Wegkapellen und Bildstöcken vorbei. Unter den Bäumen liegt vielerorts noch fast meterhoch das Laub vom Herbst. Leni, meine vierbeinige Begleiterin, taucht immer wieder in die Laubhaufen ein. Blickt man hie und da durch den noch laublosen Wald, sieht man weit unten im Tal die Autobahn, die in Richtung Bellinzona oder Göschenen führt.
Kein Spektakel, aber ein Klassiker
Dank Postauto-Anbindung lässt sich die Route wunderbar portionieren. Wer auf der ganzen Strada Alta unterwegs ist und genug hat, fährt mit dem Bus hinunter ins Tal. Wer bleibt, sollte sich im Voraus informieren, wo es Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Die Einkehr- und Übernachtungsangebote direkt an der Strecke sind bescheiden.
Die Strada Alta ist kein Spektakel. Sie ist ein Klassiker. Eine, die nichts beweisen muss – und gerade deshalb so stark ist. Auch besungen wurde der Panoramaweg im oberen Tessin immer wieder. Unter anderem von der Tessiner Sängerin, Komponistin und Texterin Nella Martinetti, die die Region als «ein Karussell aus tausend Farben, Wiesen, Bäche und Blumen» beschreibt.