Ertönt das tiefe Horn der «Unterwalden», wissen alle anderen Schiffe: Wir müssen weichen. Seit 1902 ist der 300 Tonnen schwere Raddampfer auf dem Vierwaldstättersee unterwegs. Fünf Episoden aus der Geschichte eines Riesen, der sich auch klein machen kann.
1. Geburt: Der Schatten der Schwester
Gebaut wird die «Unterwalden» etwa 40 Kilometer vom Vierwaldstättersee entfernt in den Fabrikhallen des Zürcher Industriebetriebs Escher-Wyss & cie. Die Dampfschiffgesellschaft Vierwaldstättersee – heute die Schifffahrtsgesellschaft Vierwaldstättersee (SGV) – bestellt sie gemeinsam mit ihrem Schwesterschiff «Uri».
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Bild 1 von 2. Die «Unterwalden» wurde in Zürich produziert. Zu sehen ist eine 2-Zylinder Verbundanlage für das Dampfschiff «Unterwalden» in den Fabrikhallen von Escher Wyss & Cie. in Zürich. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich (Escher Wyss & Cie.).
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Bild 2 von 2. Die DS «Unterwalden» wurde auch als Sujet für Postkarten verwendet – hier aus dem Jahr 1919. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich (Emil Goetz).
Die «Unterwalden» steht von Anfang an im Schatten ihrer Schwester, die grösser und wuchtiger daherkommt. Als sie am 18. Mai 1902 zur Jungfernfahrt ausläuft, zeigt sich die Presse trotzdem begeistert.
Die NZZ schreibt: «Aus Luzern wird berichtet, dass letzten Donnerstag die offizielle Kollaudation des neuen Salon-Schiffes «Unterwalden» stattgefunden hat. Das Schiff […] zeichnet sich durch seine eleganten Formen, geschmackvolle reiche Ausstattung aus.»
2. Promi-Passagiere: Churchill und König Hussein
Nach dem Zweiten Weltkrieg besucht Winston Churchill die Schweiz. Der kurz zuvor abgewählte britische Premierminister hält in Zürich seine berühmte Rede über die «Vereinigten Staaten von Europa».
Seinen Aufenthalt in der Schweiz nutzt er auch für private Ausflüge: Mit seiner Familie fährt er mit der «Unterwalden» von Vitznau nach Weggis.
Winston Churchill in der Schweiz
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Bild 1 von 2. Die Bundesräte hören aufmerksam zu: Kriegsminister Winston Churchill unterhält sich auf Schloss Allmendingen im Kanton Bern mit den Bundesräten (v.l.n.r.) Max Petitpierre, Ernst Nobs und Karl Kobelt. Ebenfalls in der Runde steht Paul Rüegger, Schweizer Gesandter in London. Bildquelle: Keystone.
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Bild 2 von 2. Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill unterhält die Massen. Hier hält er eine Rede auf dem Münsterhof in Zürich. Neben ihm steht seine Tochter Mary Churchill. Bildquelle: Keystone.
Mehr als vier Jahrzehnte später empfängt die «Unterwalden» erneut hohen Besuch. 1987 ist König Hussein von Jordanien auf Staatsbesuch in der Schweiz.
Höhepunkt seiner dreitägigen Reise ist eine Fahrt mit der «Unterwalden » zur Rütliwiese am Vierwaldstättersee. Hussein spricht gemäss NZZ von einem «ausgesprochen sympathischen und wohltuenden Tag» in der Innerschweiz.
3. Rettung: Dem Schrottplatz entkommen
In den 1970er-Jahren scheint die Fahrt der «Unterwalden» zu Ende. Die SGV setzt zunehmend auf moderne Motorschiffe und nimmt die «Unterwalden» 1977 ausser Betrieb. Ihr Name wird an ein Motorschiff weitergegeben.
Doch gegen die Verschrottung der Dampferflotte regt sich Widerstand. Liebhaberinnen und Liebhaber der historischen Dampfschiffe wollen die «Unterwalden» und ihre Geschwister retten. 1972 gründen sie die «Dampferfreunde Vierwaldstättersee» und sammeln Geld für den Erhalt der alten Schiffe. Dank ihnen kann die «Unterwalden» totalrevidiert werden.
1985 findet die zweite Jungfernfahrt des stolzen Dampfers statt. Das Motorschiff mit dem Namen «Unterwalden» wird in «Europa» umbenannt.
4. Kollision: Der Crash mit der «Schiller»
Auch im hohen Alter wird die «Unterwalden» nicht von Schicksalsschlägen verschont. Am 19. August 2016 kollidiert sie seitlich mit ihrer Dampfschiff-Kollegin «Schiller». Die rund 300 Passagierinnen und Passagiere sowie die beiden Schiffe kommen mit dem Schrecken davon. Verletzt wird niemand.
Während die «Unterwalden» eine Woche für Reparaturarbeiten am Bug im Depot bleiben muss, kann die «Schiller» bereits am nächsten Tag wieder ihren Betrieb aufnehmen.
5. Superkraft: Sie kann sich ducken
Unter den historischen Dampfschiffen des Vierwaldstättersees hat die «Unterwalden» eine Sonderrolle: Sie ist das einzige Schiff der Flotte, das unter der Achereggbrücke durchfahren kann.
Zu verdanken hat es das einem absenkbaren Teleskopkamin, Steuerhaus und Masten aus dem Jahr 1961. Diese Fähigkeit macht aus der «Unterwalden» bis heute etwas ganz Besonderes.