Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben das Bewusstsein für den Zivilschutz geschärft. Doch wie sicher sind die Schweizer Luftschutzräume? Daniel Jordi, Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, ordnet ein.
SRF: Die aktuelle Weltlage hat die Schutzräume wieder ins Bewusstsein gerückt. Das Schweizer Luftschutz-System wurde aber auch belächelt?
Daniel Jordi: Ja, bis zum Angriff auf die Ukraine wurden wir belächelt. Aber wir haben stets gesagt: Krieg ist grundsätzlich immer denkbar. Die Infrastruktur, die wir über Jahrzehnte aufgebaut haben, ist in ihrer Wirksamkeit und Einfachheit kaum zu übertreffen. Sie führt zu deutlich weniger Toten und Verletzten. Ich bin sehr stolz darauf, was wir in der Schweiz erreicht haben.
Wie sicher ist man in einem Schutzraum bei einem Bomben-, Chemie- oder gar Nuklearangriff?
Er bietet sehr guten Schutz, besonders bei konventionellen Luftangriffen. Gegen Chemiewaffen haben wir sehr gute, in unserem Labor geprüfte Filteranlagen. Und bei einem Nuklearangriff sind die Schutzräume so ausgelegt, dass man selbst eine deutlich grössere Bombe als jene von Hiroshima in einem Kilometer Entfernung überleben würde.
Gemütlich wird es aber nicht.
Nein, gemütlich ist es nicht, aber man überlebt. Das ist der entscheidende Punkt.
Was, wenn jemand weit weg vom zugeteilten Schutzraum arbeitet und diesen aufsuchen muss?
Man muss klar sagen, das betrifft einen kleineren Teil der Bevölkerung. Wir sind mit der aktuellen Dachstrategie Schutzbauten daran, Lösungen zu entwickeln, wie man Leute, die während eines bewaffneten Konflikts unterwegs sein müssen, adäquat schützen kann.
Gibt es Handy- und Radioempfang im Luftschutzkeller?
Handyempfang hat man nicht. Beim Radio gibt es die verstärkten Sender, die im Notfall zum Einsatz kommen. Auch da sind wir daran, die Alarmierung in die moderne Zeit zu überführen.
Eine ganz banale Frage: Wie ist die Hygiene geregelt?
Das ist eine sehr wichtige Frage, denn durch Seuchen sterben in solchen Situationen viele Menschen. Wir haben die sogenannten Kübeltoiletten. Im Prinzip sind das Säcke, die man nach dem Geschäft hygienisch entsorgen kann.
Darf man im Luftschutzkeller kochen?
Nein, das Kochen mit Spiritus- oder Gaskochern ist in Schutzräumen nicht gestattet. In grossen Schutzräumen gibt es Küchen, wo die Leute kochen können.
Was, wenn jemand dringend Medikamente braucht?
Diese muss man selbst mitnehmen. Das gehört zur persönlichen Vorbereitung auf einen Ernstfall.
Kluger Rat, Notvorrat
Dürfen Haustiere mit in den Bunker?
Nein. Die Schutzräume sind für das Überleben von Menschen ausgelegt, auch was die Luftmenge betrifft. Die Idee ist, dass man sein Haustier oberirdisch zurücklässt und es versorgt, sobald es die Lage wieder zulässt. Das gilt auch für Nutztiere.
Ein SRF 1-Hörer will wissen: «Wie komme ich nach dem Bombenangriff aus dem Schutzraum, wenn darüber alles mit Schutt zugedeckt ist?»
Jeder Schutzraum verfügt über zwei Möglichkeiten: Erstens einen Notausgang, zweitens eine sogenannte Selbstbefreiungsvorrichtung. Das ist eine Art Wagenheber, mit dem man mehrere Tonnen Schutt wegdrücken kann, um den Ausgang freizulegen. Diese Vorrichtungen sind entscheidend, damit die Rettungskräfte entlastet werden.
Wie lange kann man im Luftschutzkeller überleben?
Die Lüftung läuft sehr lange, notfalls auch mit Handbetrieb.
Der limitierende Faktor sind Wasser und Nahrungsmittel. Es ist sicher nicht lustig. Aber zwischen «nicht lustig» und «nicht überleben» liegt einige Distanz.
Das Gespräch führte Mike La Marr.