Geht es nach dem Bund, sollen Schweizer Haushalte künftig deutlich mehr Kunststoffe sammeln als bisher. Mit der neuen Verpackungsverordnung, die nächstens in Kraft treten wird, soll auch ein einheitliches Sammelsystem eingeführt werden. Mit einem solchen könnten jährlich bis zu 100'000 Tonnen Kunststoffabfälle gesammelt werden. Zu diesem Schluss kam 2024 eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (Bafu).
«Was ist mit der Fernwärme?»
Beim SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» melden sich nun besorgte Bürgerinnen und Bürger: Wenn in den Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) so viel Abfall fehlt, «was ist dann mit der Fernwärme?», möchten sie wissen. Schon jetzt müssten die KVA doch an sehr kalten Tagen mit fossilen Brennstoffen wie Öl oder Gas nachhelfen, weil die Abwärme für das Fernwärmenetz nicht ausreiche.
Es wird kein zusätzliches Öl oder Gas in den Öfen der KVA verbrannt.
Das sei zwar grundsätzlich korrekt, bestätigt Robin Quartier. Er ist Geschäftsführer beim VBSA, dem Verband der Betreiber Schweizerischer Abfallverwertungsanlagen. Allerdings liege hier ein Missverständnis vor: «Es wird kein zusätzliches Öl oder Gas in den Öfen der KVA verbrannt.» Vielmehr gebe es bei den KVA jeweils eine separate Anlage mit einem Brenner, der zusätzliche Wärme produzieren könne. Denn an sehr kalten Tagen reiche die Wärme der KVA – auch bei voller Auslastung – nicht aus, um den gesamten Wärmebedarf zu decken.
Kunststoffsammlung dürfte kaum spürbar sein
Dass die flächendeckende Kunststoffsammlung einen spürbaren Einfluss haben wird auf die Auslastung der Kehrichtverbrennungsanlangen, schliesst Robin Quartier aus. «Die Menge, die da gesammelt werden kann, ist relativ gering.» Im Moment würden die KVA jährlich vier Millionen Tonnen Abfälle verbrennen. «Selbst wenn 100'000 Tonnen weniger Kunststoffe angeliefert werden, ist das vergleichsweise immer noch sehr wenig.»
Zudem habe man in einigen Regionen der Schweiz schon Erfahrung mit flächendeckenden Sammelsystemen. «Dort merken die KVA nichts davon.» Das hänge auch damit zusammen, dass längst nicht alle Haushalte konsequent mitmachen würden.
Für den Bund hat Kreislaufwirtschaft Priorität
Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) teilt auf Anfrage die Auffassung des VBSA und weist darauf hin, dass eine KVA primär Abfälle umweltgerecht und sauber verbrennen müsse: «Es ist ökologisch sinnvoll, die dabei entstehende Wärme möglichst effizient zu nutzen. Deswegen darauf zu verzichten, ökologisch sinnvolle Kreisläufe zu schliessen, ist nicht zielführend.»
Kunststoffverpackungen würden sich aufgrund ihrer hohen Qualität gut für das Recycling eignen. Gegenüber der Verbrennung in einer KVA werde dadurch die Umwelt geschont, so das Bafu: «Dies gilt auch unter der Betrachtung, dass dieser Kunststoff künftig nicht mehr zur Produktion von Strom, Prozesswärme oder zum Heizen genutzt werden kann.»