Es ist eine wahre Plage, die sich immer weiter verbreitet: Cyberbetrug und Phishing. Mit raffinierten Methoden erwischen Kriminelle ihre Opfer in einem Moment der Unachtsamkeit und kommen so an sensible Bankdaten. Kurz darauf ist das Konto leergeräumt.
Im Jahr 2020 wurden rund 17’000 Anzeigen wegen Cyberbetrug und Phishing eingereicht. 2024 waren es bereits über 48’000. Die Zahlen des Bundesamt für Statistik zeigen: Cyberbetrug nimmt massiv zu.
Ein Opfer von vielen ist auch Chloé. Die Lehrerin aus dem Kanton Neuenburg ist eigentlich gut informiert. Trotzdem fällt sie auf ein Phishing herein und verliert rund 25’000 Franken.
Angeblicher Kreditkartenmitarbeiter verleitet zum fatalen Fehler
Angefangen hat es mit einem Inserat auf Facebook-Marketplace. Dort inseriert Chloé eine Jacke. Bald meldet sich eine Interessentin und sagt, sie wolle die Jacke kaufen. Kurz darauf ruft ein angeblicher Mitarbeiter einer Kreditkartenfirma Chloé an. Sie müssen den Verkauf «absichern».
Minus 1000 Franken, minus 2000 Franken und so weiter. Bis das Konto leer war.
Unglücklicherweise scannt Chloé mit ihrer Bank-App den von den Kriminellen zugesandten QR-Code – und übermittelt, was sie für harmlos hält: ihre Bank-Vertragsnummer. Wenig später stellt sie schockiert fest, dass ihr Konto geplündert wird. «Ich sah zwölf pendente Transaktionen: Minus 1000 Franken, minus 2000 Franken und so weiter. Bis das Konto leer war.» So schildert es Chloé in der RTS-Konsumsendung «A Bon Entendeur».
Bank reagiert nicht schnell genug
In der Hotline ihrer Bank muss sie über 20 Minuten warten. Als endlich jemand dran ist, erklärt sie die höchste Dringlichkeit. «Die Zahlungen sind noch nicht ausgeführt. Sie müssen sich beeilen und das Geld zurückholen!» Doch der Bankangestellte verneint nur. Dafür müsse Chloé Anzeige erstatten, was sie danach umgehend macht.
Ist jemand auf Phishing hereingefallen, sei rasches Handeln enorm wichtig, sagt Steven Bill, Leiter der Abteilung für Cyberkriminalität der Kantonspolizei Neuenburg. Es gehe darum, die Konten zu sperren, auf die das Geld zunächst fliesse. Die Polizei sei in diesen Fällen auf die Hilfe der Banken angewiesen.
Cybercrime-Ermittler: Banken kooperieren zu wenig
Doch viele Banken würden zu wenig kooperieren, kritisiert Cyberpolizist Steven Bill: «Wenn wir die Banken kontaktieren, weigern sich diese oft, mit uns zu kooperieren und sagen, wir seien nicht die richtige Stelle, um eine Konto-Sperrung zu beantragen.»
Zwar gebe es Banken, die mit der Polizei kooperieren. Vor allem regionale Institute mit schlanken Strukturen. Bei grösseren Banken sei es schwierig, so Bill. Die Ermittler fordern einen direkten, privilegierten Kanal zu den Banken, um schnell handeln zu können.
«Manchmal ist es frustrierend. Wir versuchen, das Vermögen der Opfer zu sichern. Und dann laufen wir auf. Und dies nicht erst im Ausland, sondern schon in der Schweiz.» Wegen gesetzlicher Auflagen und Regelungen der Banken. «Das ist schwer zu verstehen. Schliesslich sollten alle das gleiche Ziel haben: Verhindern, dass Geld in kriminelle Netzwerke verschwindet,» sagt Steven Bill.
Bank lehnt Haftung ab
Zwei Monate nach dem Cyberbetrug erhält Chloé einen enttäuschenden Brief: Die Migros-Bank lehnt jede Haftung ab. Dies mit dem Hinweis, dass sensible Daten weitergegeben wurden. Das bestreitet Chloé auch nicht. Dass sie aber die alleinige Verantwortung für den Diebstahl tragen soll, könne sie nicht verstehen.
Es gibt Banken, für die hat der Kundenschutz vor potenziellem Betrug keine Priorität
«Wir sehen unseren Teil der Verantwortung: Wir sind aber nicht zu 100 Prozent schuld am Ganzen», sagt Frédéric, der Partner von Chloé. Und diese ergänzt: «Die Bank schreibt auf der Website, dass ein System ungewöhnliche Transaktionen erkennt. Doch für die Bank ist es offenbar nicht betrügerisch, wenn unser gesamtes Konto über zwölf Transaktionen auf einem unbekannten Konto landet.» Das System habe sie nicht vor Diebstahl geschützt.
Kundenschutz bringt keinen Gewinn
«Es gibt Banken, für die hat der Kundenschutz vor potenziellem Betrug keine strategische Priorität», erklärt Olivier Beaudet-Labrecque, Experte für Wirtschaftskriminalität und Online-Betrug. Laut dem Forscher könnten viele Banken mehr in Betrugserkennung investieren. «Investitionen in Kundenschutz sind in gewisser Weise ein Verlust – es bringt den Banken keinen Gewinn. Wenn ein Opfer Geld verliert, ist das nicht das Geld der Bank, sondern das Geld der Opfer.»
Die Schweiz sollte Mechanismen einführen, die Banken dazu bringen, ihre Kundinnen und Kunden besser zu schützen, sagt Cybercrime-Forscher Olivier Beaudet-Labrecque. Denn bei Betrugsopfern gehen die Kosten auch zu Lasten des Staates: die Ermittlungskosten oder die sozialen Auswirkungen.
«Es gibt Menschen, die ihre gesamten Ersparnisse verlieren, die in Rente gehen oder schon sind. Der Staat muss diesen Menschen dann helfen. Er hat also ein Interesse, dass Banken Ihre Kundschaft besser schützen.»
Grossbritannien: Neues Gesetz zeigt Wirkung
In Grossbritannien hat die Regierung vor einem Jahr Banken verpflichtet, Betrugsopfer bis zu einem Betrag von rund 90’000 Franken zu entschädigen. Die Auswirkungen seien sehr gross, sagt Clément Bürge, Grossbritannien-Korrespondent von RTS: «Innerhalb eines Jahres haben die Banken 130 Millionen Franken an Opfer zurückbezahlt. Fast die gesamte Betrugssumme.»
Ausserdem sei die Zahl der Betrugsfälle um 20 Prozent gesunken ist. «Weil die Banken neu zur Kasse gebeten werden und Opfer entschädigen müssen, haben sie ihre Sicherheitssysteme verstärkt», so Bürge.
So würden Bank-Apps bei auffälligen Überweisungen warnen: «Wenn ich zu ungewöhnlicher Uhrzeit Geld überweise, mehr als sonst oder an eine unbekannte Person, dann fragt mich die Bank-App, wer diese Person ist und warum ich ihr diesen Betrag schicke». Bei grösseren Beträgen rufe sogar das Betrugsteam der Bank an.
Für Chloé und Frédéric gab es keine Rückerstattung der Migros-Bank. Kleiner Trost: Von den verlorenen 25'000 Franken konnte die Polizei 10'000 auf den Konten von Money Mules sicherstellen.
Trotzdem belastet der Vorfall das Paar sehr. «Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht an diesen einen Fehler zurückdenke. Es tut weh, so betrogen zu werden.»