Tödliche Medizin?

«Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert». So heisst ein gerade auf Deutsch erschienenes Buch eines angesehenen Medizinprofessors. Ein Augenöffner, finden die einen, ein übles Machwerk die anderen. Wir haben es gelesen.

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Bildlegende: Peter Gøtzsche bezichtigt in seinem Buch die Pharmaindustrie des organisierten Verbrechens. imago

Er ist ein streitbarer, aber angesehener Forscher: der Däne Peter C. Gøtzsche. Sein neues Buch ist ein Rundumschlag gegen sämtliche Akteure im Gesundheitswesen. Pharmafirmen, Arzneimittel-Behörden, Fachzeitschriften, Ärztinnen und Ärzte, Patientenorganisationen – alle bekommen ihr Fett ab.

«Pharmafirmen verkaufen keine Medikamente, sondern Lügen über Medikamente», heisst es da etwa, oder: «Fachzeitschriften haben sich zu Informationswaschanlagen für die Pharmaindustrie entwickelt». Peter Gøtzsche geht sogar so weit, die Pharmaindustrie des organisierten Verbrechens zu bezichtigen, und alle anderen der Mithilfe dazu. Das ist ein happiger Vorwurf, den Peter Gøtzsche aber mit unzähligen Beispielen zu belegen versucht.

«Ärzte als willige Vollstrecker»

Besondere Kritik übt Peter Gøtzsche an der Tatsache, dass Pharmafirmen selber entscheiden dürfen, wie sie ein Medikament testen wollen, wie sie die Daten auswerten und was sie davon an die Arzneimittel-Behörden oder die Öffentlichkeit weitergeben. Das sei, als ob man zur eigenen Verteidigung vor Gericht erscheine mit tausenden von Dokumenten und sage: «Das sind die Beweise für meine Unschuld, und zwar habe ich sie alle selber verfasst».

Die Pharmaindustrie – eine Mafia?

6:52 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 06.12.2014

Die Fachzeitschriften ihrerseits publizierten selbst fehlerhafte Studien, weil ihnen die Pharmafirmen nachher für viel Geld Sonderdrucke abkauften, die sie wiederum Ärzten weiterschickten, um sie über die Wirkung von Medikamenten zu täuschen.

Und die Ärzte seien dann willige Vollstrecker, liessen sich gerne Geschenke machen und zu teuren Weiterbildungen einladen.

Augenöffner oder Machwerk?

Die meisten Vorwürfe Peter Gøtzsches sind nicht neu, sondern werden von Anderen bereits seit Jahren vorgebracht – allerdings meist in weniger drastischen Worten. Ein Augenöffner sei das Buch, urteilen einige respektierte Kollegen von Peter Gøtzsche.

Die beiden Schweizer Pharma-Branchenverbände Interpharma und die Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (VIPS) äusserten sich zu den konkreten Inhalten des Buchs nicht. Die VIPS schreibt aber auf Anfrage:

«Dieser unqualifizierte, polemische Rundumschlag reflektiert die Wirklichkeit in keiner Weise. Einer Branche, welche von höchstqualifizierten, behördlichen Instituten inspiziert und kontrolliert wird, pauschal organisierte Kriminalität vorzuwerfen, ist abwegig und despektierlich. Deshalb ist ein weiteres Eintreten auf dieses üble Machwerk auch nicht angezeigt.»

Systemwechsel gefordert

Auch an den Lösungsvorschlägen Peter Gøtzsches dürften die Pharmafirmen wenig Freude haben: Es brauche nämlich nichts weniger als einen Systemwechsel. Man solle den Pharmafirmen wegen ihrer Interessenkonflikte gar nicht mehr erlauben, Medikamententests durchzuführen. Das sollten stattdessen staatliche Stellen übernehmen.

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Prof. Peter C. Gøtzsche ist Facharzt für innere Medizin und hat viele Jahre für Pharmaunternehmen klinische Studien durchgeführt und sich um die Zulassung von Medikamenten gekümmert. Er hat mehr als 50 Artikel veröffentlicht, seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden bisher mehr als 10'000 Mal zitiert.

Der Frau oder dem Mann von der Strasse rät Peter Gøtzsche, nur noch in Notfällen Medikamente zu nehmen, denn bei vielen Medikamenten würden die Gefahren den Nutzen überwiegen.

Vorsätzlich oder fahrlässig?

Der Ton von Peter Gøtzsche ist scharf, klingt stellenweise sogar nach Verschwörungstheorie. Viele der Fakten aus dem Buch sind aber bereits hinlänglich bekannt und überhaupt nicht kontrovers – zum Beispiel, dass das Rheuma-Medikament «Vioxx» wegen verschwiegener Nebenwirkungen Zehntausenden von Patientinnen und Patienten den Tod gebracht hat.

Bei Peter Gøtzsche kommt Vieles als vorsätzliche Tötung daher. In Wirklichkeit dürfte der Schaden für die Patientinnen und Patienten oft viel subtiler entstehen: aus Fahrlässigkeit, Unwissenheit, Anpassungsdruck – begünstigt durch Partikularinteressen und das viele Geld, das auf dem Spiel steht.

Futter zum Nachdenken

Peter Gøtzsche predigt in seinem neuen Buch in einer Tonlage, die eher bereits Skeptische anspricht, weniger die Entscheidungsträger, die er damit angreift. Ob das zu Veränderungen beiträgt, die tatsächlich nötig sind – und das gibt mittlerweile auch die Pharmaindustrie unumwunden zu –, ist eher fraglich.

Trotzdem: Peter Gøtzsche zeigt viele Missstände schonungslos auf. Wer denkt, in der Medikamentenforschung sei alles in Butter, wird auf jeden Fall aufgerüttelt. Wer bereits ein wenig zweifelte, bekommt Futter zum Nachdenken. Nach der Lektüre einfach auf die vermeintlich Schuldigen zeigen, wäre allerdings etwas einfach, denn mit den vielen Fehlanreizen im Gesundheitswesen tragen wir alle zur Erhaltung eines wohl nicht immer so heilsamen Systems bei.

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