Als Messknechte auszogen, um das heimische Klima zu erforschen

Vor 200 Jahren wurde die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft gegründet – die älteste nationale wissenschaftliche Organisation des Landes. Sie prägte eine Zeit des Umbruchs mit, in dem die Wissenschaft ihre moderne Form annahm. Wie dies vonstatten ging, zeigt das Beispiel der Meteorologie.

Ein Tag zum Vergessen, dieser 6. April 1858 im bündnerischen Martinsbruck: Nasskalt war es, ein steifer Wind wehte aus Nordwest. Das wissen wir heute noch dank Andrea Bärtsch. Als der Zollbeamte bei 3 Grad Celsius sein Thermometer ablas und den Wert in seine Messtabelle eintrug, müssen seine Finger rot und steif gewesen sein.

Drei Mal täglich beobachtete Bärtsch das Wetter und sandte seine Aufzeichnungen am Monatsende an Christian Gregor Brügger in Churwalden. Der 25 Jahre junge Brügger baute im Kanton ein meteorologisches Messnetz auf. Er hatte Naturwissenschaften studiert, aber dieses Forschungsunternehmen betrieb er als Privatier, erzählt die Historikerin Franziska Hupfer von der ETH Zürich. Sie hat erforscht, wie der Pionier Christian Brügger sein Wetter-Messnetz aufgezogen hat.

«Er hat dies als patriotischen Dienst an seinem Heimatkanton verstanden», sagt Hupfer. Zudem fand Brügger, man müsse die Natur seiner unmittelbaren Umgebung erforschen – eine Ansicht, die damals viele im Bürgertum teilten.

Perlen vor die Säue

Brüggers Messhelfer waren alles Laien – vor allem Pfarrer und Lehrer. Sie galten als besonders zuverlässig. Trotzdem zahlte Brügger ihnen nichts, sie mussten sogar ihr Thermometer selbst berappen. Viele fühlten sich geehrt, vom Privatgelehrten ausgewählt worden zu sein, sagt Hupfer. «Ich habe aber auch viele Briefe gefunden, in denen sich die Freiwilligen über das ‚Joch des Messens‘ beklagten.» Eine Pfarrerstochter, zum Beispiel, atmete auf, als ihr Vater umzog und sie ihren Beobachtungsdienst beenden konnte.

Die Wetterdaten der über 30 Stationen wurden in Bündner Zeitungen abgedruckt – aber nur für kurze Zeit. Das Ende der Publikation kommentierte ein Brügger-Mitarbeiter in einem Brief so: «Ganz vernünftige Leute fragen, was solche Beobachtungen nützen, und aus ihrem spöttischen Lächeln nimmt man wahr, dass sie einen für Halbnarren halten. Es ist sich demnach nicht zu verwundern, dass sie jede Zeile bedauern, die die meteorologischen Beobachtungen dem Zeitungsklatsche entrücken. Wir haben Perlen vor die Säue geworfen.»

Zum Wohle der Bündner Kurorte

Brügger und seine Helfer waren ausgezogen, um das Klima ihrer Heimat zu vermessen – was aber mit den vielen Daten zu tun war, blieb unklar. Das Geschehen in der Atmosphäre erwies sich als zu kompliziert, um Gesetzmässigkeiten erkennen zu können: «Das war ein allgemeines Problem der frühen Meteorologie», sagt Hupfer: Schon damals gab es also Probleme mit Big Data.

Farbansicht von St. Moritz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Tourismusbranche war von den Daten Brüggers begeistert: Sie sollten die Annehmlichkeiten des örtlichen Klimas bezeugen. Hier eine Ansicht von St. Moritz um 1885. Ingrid Rotraud Metzger

Immerhin konnte Brügger seine Beobachtungen zum Wohle der Bündner Kurorte einsetzen: Er versuchte damit zu belegen, dass ihr mildes Bergklima anderen Regionen mit Kurorten überlegen sei.

Der Bund greift ein

1863 richtete die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft in Zürich schliesslich die Meteorologische Zentralanstalt ein. Sie stützte sich auf 88 Mess-Stellen in allen Landesteilen und wurde vom Bund subventioniert. In der Zentralanstalt waren einige Berufswissenschaftler angestellt. Sie stellten strenge Regeln für die Messungen auf, denen viele von Christian Brüggers Wetterkorrespondenten nicht zu genügen vermochten: nur 19 von ihnen wurden fürs nationale Netz ausgewählt.

Brügger war offenbar nicht allzu beleidigt über diese Kritik, die die neu entstehende professionelle Forscher-Kaste an seiner Pionier-Arbeit übte, sagt Franziska Hupfer. Er forschte einfach an anderen Themen weiter: Botanik, Heuschrecken, Gewitter, Erdbeben.

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Buch-Hinweis

Buch-Hinweis

Die Geschichte der Meteorologie ist eines von 15 Kapiteln im neuen Buch «Die Naturforschenden». Es beschreibt in Porträts die Entwicklung der Schweizer Naturwissenschaft von 1800 bis heute. Erschienen im Verlag Hier und Jetzt. Erhältlich ab dem 9. Mai.

Wettervorhersagen für die Landwirtschaft

Der Bund hatte für sein Interesse am Klima ähnliche Beweggründe wie Brügger: Er wollte das eigene Gebiet vermessen, Inventare anlegen – und dies sollte zur Identität des jungen Bundesstaates beitragen. Aber die Behörden hatten auch handfeste Motive – sie hofften, dass besseres Wissen übers Klima die Landwirtschaft produktiver machen würde. Zum Beispiel durch eintägige Wettervorhersagen, wie sie etwa in Frankreich ab 1877 gemacht wurden.

Die Schweizer Meteorologen wollten von diesem Schritt von der Beobachtung zur Prognose freilich nichts wissen: Sie fürchteten um ihre Autorität, wenn sie allzu viele falsche Vorhersagen produzieren würden. Der Bund setzte sich jedoch durch – indem er kurzerhand die halbstaatliche Meteorologische Zentralanstalt ganz verstaatlichte. Die unterlegenen Forscher erhielten als Zückerchen eine gesichertere Finanzierung.

Eine typische Figur

Die Geschichte vom Privatgelehrten Brügger und der Entwicklung der Meteorologie ist beispielhaft für die ganze Wissenschaft, sagt Historikerin Franziska Hupfer: «Ich habe seine Tätigkeit nicht erforscht, weil er etwas Bahnbrechendes entdeckt hätte, sondern weil er eine typische Figur der damaligen Naturforschung war.» Die Wissenschaft sei eben vor allem ein gemeinschaftliches Unternehmen gewesen.

Unser Wissen verdanken wir nicht nur Genies wie Albert Einstein, sondern auch Messknechten wie Christian Gregor Brügger und seinen Mannen und Frauen.

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