Ernährungssicherheit: Auf der Suche nach den wilden Verwandten

Ob Papaya, Bohne oder Weizen. Von jeder domestizierten Nutzpflanze gibt es wilde Verwandte. Deren Samen sollten eigentlich in den Genbanken dieser Welt vertreten sein, denn die wilden Pflanzenarten garantieren unsere künftige Nahrungsmittelsicherheit. Doch die Samen fehlen – und die Zeit drängt.

Ein Mann hält eine wilde Banane mit Samen in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wilde Bananen haben besonders viele Samen: Forscher organisieren Sammelaktionen, um möglichst viele wilde Pflanzen zu erhalten. Salazar/Crop Trust

Je saurer die Ackerböden, desto mehr giftiges Aluminium enthalten sie. Das drückt selbst bei der vergleichsweise aluminiumtoleranten Reispflanze die Erträge. «Es gibt aber wilde Sorten mit sehr hoher Toleranz, und diese hat man erfolgreich mit den traditionellen Reisnutzpflanzen gekreuzt», erzählt Nora Castañeda Alvarez, Agrarwissenschaftlerin am International Center for Tropical Agriculture in Kolumbien.

Auch die Tomatensorten, die man im Supermarkt findet, profitierten von einer in den Anden beheimateten Wildart. Solanum pennellii machte Zuchttomaten resistenter gegen Dürre und salzhaltige Böden.

Die abwesende Verwandtschaft

Die Liste solcher Beispiele, wie wilde Verwandte die Zuchtpflanzen verbesserten oder gar retteten, liesse sich noch lange fortsetzen. Ihr Beitrag ist so wichtig, dass Nora Castañeda Alvarez nun die erste globale Bestandsaufnahme zu Verwandten von 81 Nutzpflanzen durchführte. Sie durchforstete nationale und internationale Genbanken sowie die nicht elektronisch gespeicherten Bestände in botanischen Sammlungen. Das Ergebnis dieser Mühe ist in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Nature Plants» veröffentlicht.

«Ein traurige Sache», kommentiert die Agrarwissenschaftlerin die Daten. «Von 1076 Wildpflanzenarten sind gut 70 Prozent total unterrepräsentiert in den Genbanken. Das bedeutet, wir haben keine Proben von allen weltweit existierenden Standorten, sondern nur von einigen wenigen.» Um jedoch die genetische Vielfalt einer Pflanze sicherstellen zu können, bräuchte es möglichst eine vollständige Sammlung. Von 29 Prozent – oder 313 wilden Arten – gibt es hingegen nirgendwo auch nur ein einziges Samenkörnchen.

Die weissen Flecken auf der Landkarte

Diese Bestandsaufnahme fand im Rahmen des auf zehn Jahre anberaumten Crop Wildlife Project statt. Die Initiative – finanziert von der norwegischen Regierung mit 50 Millionen Dollar – fördert Sammelaktionen in aller Welt, sowie Neuzüchtungen, die aus der Kreuzung einer bestehenden Nutzpflanze mit ihrer wildwachsenden Verwandtschaft hervorgehen. «Dass es so schlimm aussieht, war mir nicht klar», erklärt Projektleiter und Mitautor der Studie, Hannes Dempewolf.

Ein Mann steckt eine vertrocknete Winden-Pflanze in einen weissen Sack. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In aller Welt werden wilde Pflanzen gesammelt, um ihren Bestand für die Zukunft zu wahren. RBG Kew

Organisiert man die Daten als Landkarte, zeigen sich überall Lücken. In den tropischen Tiefebenen Südamerikas etwa wachsen weit mehr wilde Maniok-Arten als in Samenbanken repräsentiert sind. Maniok gilt als die weltweit drittwichtigste Quelle für Kohlehydrate.

Verblüffenderweise fehlt es auch an Sammlungen aus dem Mittelmeerraum sowie dem Nahen Osten – Regionen also, die doch als Wiege der Landwirtschaft und als bestens erforscht gelten. «Weizen ist eine ungeheuer wichtige Nutzpflanze, und daher hat man auch die wilden Arten relativ gut abgedeckt», sagt Hannes Dempewolf, «doch für Linsen oder Bohnen, die aus demselben Raum stammen, interessiert sich dem Anschein nach kaum jemand».

Der Klimawandel fordert: Back to the Wild

Die UN-Welternährungsorganisation (FAO) betont seit langem, dass die Samen wilder Arten die künftige Nahrungsmittelsicherheit garantieren. Über tausende Jahre wurden die Züchtungen der Nutzpflanzen an agrarische Produktionsbedingungen angepasst. Im Laufe der Zeit gingen den Pflanzen jedoch Eigenschaften verloren, die künftig wieder nötig sein werden. «Denn das Obst, Getreide und Gemüse der Zukunft muss mehr Trockenheit aushalten können», erklärt Hannes Dempewolf. «Mit dem Klimawandel verändern sich die Bedingungen so rasch, dass wir Charaktereigenschaften der wilden Pflanzen wieder einkreuzen müssen. Es heisst also: Back to the Wild.»

Die Zeit drängt

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Die Zeit, um die klaffenden Lücken in den Samenbanken zu schliessen, drängt aus mehreren Gründen. Einige Wildarten wachsen etwa in Ländern, wo – wie in Syrien – Bürgerkrieg herrscht. An Sammelexpeditionen ist also derzeit nicht zu denken. In Südostasien sind Wildpflanzen wiederum durch grossflächige Rodungen bedrohnt, die für Palmölplantagen Platz machen sollen. Wenn man sich nicht bald aufmacht, könnten Arten unwiderbringlich verloren sein.

Die Zeit drängt aber auch aus einem anderen Grund: Bis man aus einer bestehenden Nutzpflanze und ihren wilden Verwandten ein neue, brauchbare Sorte gezüchtet hat, können gut 15 Jahre vergehen. Will man also verhindern, dass die Landwirtschaft vom Klimawandel überholt wird, muss man sofort und mit voller Energie in Wald und Flur sammeln gehen.

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