Die Klimafalle

Politik und Klimawissenschaft seien sich zu nah, kritisiert ein prominenter Klimaforscher. Seine Vorwürfe sind heftig – und sorgen unter Wissenschaftlern und Laien für Debatten.

Eine demonstrative Kabinettssitzung der mongolischer Regierung in der Wüste als Protest gegen den Klimawandel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klimawandel als weltweites Politikum: Resultate der Klimaforschung haben Einfluss, wie bei dieser demonstrativen Kabinettssitzung der Regierung der Mongolei. Keystone

Hans von Storch ist Klimaforscher – und trotzdem kritisiert er die Klimaforschung: Sie sei zu nah an der Politik; das wirke sich negativ aus auf die Qualität der Wissenschaft. Von Storch ist unter seinen Fachkollegen als kritischer Geist bekannt und bisweilen auch gefürchtet. Nun hat er diesen Gedanken ein Buch gewidmet: «Die Klimafalle – die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung».

Verfasst hat von Storch den Band zusammen mit dem Anthropologen Werner Krauss. Diese Zusammenarbeit ist Programm: die beiden Autoren betrachten die Disziplin der Klimaforscher immer wieder auch von aussen; vom Stamm der Klimaforscher ist die Rede im Buch. Eine wichtige Eigenschaft von Stämmen, wie sie Anthropologen betrachten, ist ihre Geschlossenheit. Man hält zusammen und verteidigt sich gegen aussen. Und genau diese Eigenschaft kritisieren von Storch und Krauss an den Klimawissenschaftlern.

Vorwurf einer ungesunden Symbiose

Manche Forscher und Laien stellen in Frage, ob der Klimawandel so schlimm sei, wie es die grosse Mehrheit der Experten darstellt. Eine Folge dieser manchmal heftigen Angriffe sei eine Blockadehaltung und Gruppendenken, sagt Hans von Storch: «Man hört unter den Klimaforschern Ausdrücke wie: ‹Das darf man so nicht sagen, das spielt den Klimaskeptikern in die Hände›». Viele Forscher übten Selbstzensur, weil sie befürchteten, dass sonst der Klimawandel von Politik und Gesellschaft nicht gebührend beachtet werde.

Die Bemühung bei Uno-Klimakonferenzen wie hier im November 2012 in Doha, Katar, stehen seit Jahren in der Kritik. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zahnlose Klimapolitik? Die Bemühung bei Uno-Klimakonferenzen wie hier im November 2012 in Doha, Katar, stehen seit Jahren in der Kritik. Keystone

Die Sorge ums Klima habe zu einer ungesunden Symbiose von Politik und Wissenschaft geführt, kritisiert von Storch: «Die Politik vereinnahmt Klimaforschung – und Klimaforschung vereinnahmt Politik.» Oft werde gesagt, die Forschung habe dieses und jenes herausgefunden, nun müsse die Politik dagegen aktiv werden.

Damit werde der Politik die breite Handlungsfähigkeit abgesprochen, die noch andere Aspekte als den Klimawandel berücksichtigen müsse. Gerade in Zeiten der Wirtschafts- oder Finanzkrisen wird das deutlich: Soll die Schweiz mit voller Kraft auf klimafreundliche Energien setzen? Oder gefährdet dies die Wirtschaft?

Letztlich habe dies zum Scheitern der Uno-Klimakonferenzen geführt, so von Storch weiter, da Politiker und Wissenschaftler harte Massnahmen als unumgänglich dargestellt hätten. Die Verhandlungen hätten sich auf diese harten Massnahmen konzentriert, auf die sich die Staaten aber nicht einigen könnten. Alternativen kämen dadurch viel zu wenig zur Sprache, kritisiert er.

Widerspruch von vielen Fachkollegen

Gruppendenken, der Verlust der Skepsis, die für die Wissenschaft eigentlich zentral ist, Einmischung in die Politik – die Vorwürfe von Storchs an seine Kollegen sind heftig. So erstaunt es nicht, dass ihm viele widersprechen.

Der Klimaforscher Reto Knutti von der ETH Zürich tut dies sehr differenziert. Die Gefahr von Gruppendenken verneint er nicht, sagt aber: «Die Wissenschaft hat Mechanismen, die dem entgegen wirken.» Die offene Debatte und die gegenseitige Kontrolle von wissenschaftlichen Ergebnissen zum Beispiel. In der Sendung Wissenschaft im Gespräch auf SRF2 Kultur führen Hans von Storch und Reto Knutti diese Debatte.