«Störfall» in Luzern: Mode-Accessoires aus Fischhaut

Was mit einer Bachelorarbeit begann, entwickelt sich nun für Sabina Brägger zum kommerziellen Erfolg: Die Textildesign-Studentin der Hochschule Luzern fertigt Accessoires aus Störleder. Mittlerweile hat sie einige Auftraggeber, auch das Tropenhaus Frutigen gehört dazu.

Hände mit roten Handschuhen entfernen Fischfleisch von den Häuten Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fleischreste entfernen – eine aufwendige Arbeit: Sechs Stunden brauchen Sabina Brägger und ihr Gerber für 200 Häute. Später werden daraus Uhren-Armbänder oder Taschen. SRF

Sabina Brägger (24) fasziniert die Idee, aus Resten Neues entstehen zu lassen: Lederreste, die eigentlich Abfall waren, setzte sie im Studium zu grösseren Flächen zusammen und entwarf daraus Accessoires. Und nun verwendet sie Fischreste.

Mode aus Schweizer Fischhaut

6:08 min, aus ECO vom 21.10.2013

Auf die Idee mit der Fischhaut brachte sie ihre Mutter. Diese hatte an einer Führung im Tropenhaus Frutigen teilgenommen, das die grösste Störzucht der Schweiz betreibt. Das Tropenhaus produziert rund 800 Kilo Schweizer Kaviar pro Jahr, vorwiegend für den Export. Auch das Störfleisch wird verkauft. Die Haut des Störs allerdings wurde verbrannt.

Bis jetzt: «Wir haben schon immer gewusst, dass man aus Störhaut Leder herstellen kann, aber wir haben uns eigentlich nicht weiter darum gekümmert», erinnert sich Tropenhaus-Geschäftsführer Marcel Baillods. Als die Textildesign-Studentin mit ihrer Idee auf ihn zu kam, aus Störhaut Leder-Accessoires zu fertigen, sei das ein Geschenk des Himmels gewesen.

Fischhäute sind anders als Rinderhäute

Bis aus der glitschigen Fischhaut allerdings brauchbares Leder wird, vergehen viele Tage. Zunächst müssen Sabina Brägger und der Gerber Jürg Zeller, mit dem sie zusammenarbeitet, die Fleischreste mit einem Messer von der Fischhaut abkratzen.

Anschliessend kommen die Häute das erste Mal in ein Gerbfass und werden dort für mehrere Stunden in einem speziellen Gerbsalz gepickelt. Bei diesem Schritt öffnen sich die Poren der Haut und sind so besser in der Lage, den Gerbstoff aufzunehmen.

Hand an Tasche aus Störleder Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ungewöhnliche Accessoires: Im Atelier in der Hochschule Luzern kreiert Sabina Brägger ihre Stör-Stücke. SRF

Dann folgt das Gerben, das die Haut zu Leder macht: Sabina Brägger entschied sich gemeinsam mit ihrem Gerber für eine natürliche Gerbung, also ohne chemische Zusatzstoffe. Aber als beide nach dem ersten Gerbdurchgang sieben Tage später das Fass öffneten, staunten sie nicht schlecht: Die Fischhäute hatten sich aufgelöst. «Rindshäute werden bei etwa 40 Grad gegerbt. Das ist für Störhaut offenbar zu heiss», erinnert sich Gerber Jürg Zeller.

Beim zweiten Versuch reduzierten sie die Temperatur – und hatten Erfolg. Wie heiss, oder besser gesagt kühl das Wasser lediglich sein darf, bleibt ihr Geheimnis.

Wasserabweisend und widerstandsfähig

Wenn es getrocknet und geschliffen ist, kann Sabina Brägger das Störleder zu seiner neuen Bestimmung verarbeiten. Ihre Swiss-made-Kreationen kommen an: Eine Uhrenfirma aus Luzern und eine Berner Schuhdesignerin gehören schon zu ihren Kunden. Und das Tropenhaus Frutigen hat eine eigene Accessoire-Linie für den Souvenir-Shop bestellt.

Dennoch hält sie an ihrem Studium weiter fest: «Es gibt ja ganz viele Sachen, die mich interessieren. Und deshalb läuft das Business mit dem Fischleder parallel zum Master, so zwischen 20 und 30 Prozent», erzählt die Designerin. So schafft sie es, sich beiden Leidenschaften gleichzeitig zu widmen. Störleder ist stark wasserabweisend, sehr widerstandsfähig und formstabil. Und: Nach Fisch riechen die Accessoires nicht.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Mode aus Schweizer Fischhaut

    Aus ECO vom 21.10.2013

    Eigentlich wollte Sabina Brägger «nur» eine Bachelor-Arbeit darüber schreiben, wie sich Abfall-Produkte aus der Kaviar-Produktion sinnvoll nutzen lassen. Jetzt entwirft die 24-Jährige für Unternehmen Accessoires aus Schweizer Fischleder, etwa Handytaschen oder Uhren-Armbänder. Ein Porträt über eine unkonventionelle Jungunternehmerin.