Büffeln, büffeln, büffeln: Die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium hat es in sich. Komplexe Aufgaben in Mathematik, Textverständnis und Grammatik in Deutsch und vieles mehr. Für Denys ist sie besonders herausfordernd – er ist erst seit vier Jahren in der Schweiz.
Denys hat grosse Ziele: Er möchte Mathematik studieren. «Meine Eltern haben an der Universität studiert. Ich möchte gerne den gleichen Weg einschlagen», sagt er. Aktuell besucht er die zweite Oberstufe und bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium im Kanton Zürich vor.
«Ich habe pro Woche vier Stunden Gymi-Vorbereitung, weitere zwei Stunden lerne ich zuhause», sagt der 14-Jährige.
Komplexe Aufgaben in komplexer Sprache
Die grösste Herausforderung ist für ihn die Sprache. «Deutsch macht mir Mühe. Es gibt bei den Aufgaben viele komplexe Wörter, die ich nicht verstehe», sagt er. Darum sind für ihn Gleichungsaufgaben in Mathematik auch schwierig, obwohl Mathe seine Stärke ist.
Ich bin stolz auf mich. Man sollte immer stolz auf sich sein.
Auch wenn ihm die Sprache Mühe macht: Er versteht schon sehr gut Schweizerdeutsch und spricht selber gut Hochdeutsch. «Meine Mutter hat zuvor in der Schweiz gearbeitet. Sie kann gut Deutsch und hat mir geholfen», erzählt er. «Wenn ich mir heute meine Sprachnachrichten anhöre, die ich vor zwei Jahren verschickt habe, dann sehe ich einen grossen Unterschied.»
Zu recht fügt er an: «Ich bin stolz auf mich. Man sollte immer stolz auf sich selbst sein.»
Seine Fluchtgeschichte beginnt zu Kriegsbeginn. «In der Nacht des zweiten Kriegstages schlugen Raketen in der Nähe unseres Hauses in Kiew ein. Um vier Uhr früh mussten wir in den Bunker flüchten. Bald darauf war für uns klar: So können wir nicht leben», erzählt er. Mit Kleidung und ein paar Hygieneartikeln im Gepäck ist Denys mit seiner Schwester und seiner Mutter losgefahren.
Der Draht nach Hause
Jeden Sonntagmorgen hat Denys Kontakt zu seiner Familie und Freunden, die in der Ukraine geblieben sind. Hat er Angst um sie? «Ich denke manchmal in der Nacht darüber nach, was passiert, wenn wieder eine Rakete einschlägt», antwortet er.
Viele Menschen vor Ort hätten sich allmählich an die Kriegssituation gewöhnt. «Die ersten drei Monate des Kriegs gingen alle noch in die Bunker. Aber mittlerweile macht das fast niemand mehr.» Er hat Mitleid mit seiner Familie vor Ort, aber sie würden dort bleiben wollen. «Sie haben ihre Häuser, Haustiere, Freunde, einfach alles dort.»
Denys vermisst sein Zuhause. In schweren Zeiten gibt ihm sein Hobby besonders viel Kraft: Fussball. «Ich trainiere zweimal pro Woche, an den Wochenenden haben wir Turniere. Ich bin Mittelverteidiger», erzählt er. Wenn er nicht gerade lernt, ist er also auf dem Fussballplatz anzutreffen.
Der entscheidende Brief
Ein paar Wochen nach der Gymi-Aufnahmeprüfung ist der entscheidende Moment gekommen: Denys hält den Brief in der Hand mit dem Bescheid, ob er die Prüfung bestanden hat oder nicht. «Ich habe es leider nicht geschafft. Ich hatte eine 4, man brauchte aber eine 4.5 im Durchschnitt», erzählt er am Telefon.
Für ihn bedeutet das: eine zweite Chance im nächsten Jahr. «Jetzt weiss ich, wie es geht – und ich habe gute Erfahrungen gesammelt», sagt er kämpferisch. «Hoffentlich schaffe ich die Prüfung nächstes Jahr.» Wenn Denys so weiter macht, wird das bestimmt der Fall sein.